Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

DokumenttypRede | Datum25. Oktober 2018 | Person Gerd BillenRede von Staatssekretär Billen bei der Jahreskonferenz des Netzwerks Verbraucherforschung

Rede des Staatssekretärs im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz Gerd Billen bei der Jahreskonferenz des Netzwerks Verbraucherforschung „Vom industriellen Massenkonsum zum individualisierten Digitalkonsum?“ am 25. Oktober 2018 im BMJV in Berlin

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT!

Sehr geehrter, lieber Herr Prof. Kenning,
sehr geehrte Mitglieder des Netzwerks Verbraucherforschung,
meine Damen und Herren,

seitens des Ministeriums heiße ich Sie sehr herzlich willkommen zu dieser nunmehr dritten Jahrestagung des Netzwerks Verbraucherforschung. Ich freue mich sehr über den großen Zuspruch, denn er zeigt, dass aus dem zarten Pflänzchen der Verbraucherforschung nunmehr eine veritable Pflanze geworden ist. Diese positive Entwicklung wollen wir weiter voranbringen durch weitere Förderung verschiedener Formate: themenzentrierte Calls für Projekte, Gutachten, Workshops, Tagungen, Gesprächsforen und natürlich durch die Geschäftsstelle des Netzwerks.
Lassen Sie mich bei dieser Gelegenheit all denen im Netzwerk meinen herzlichen Dank sagen für das bisher Geleistete. Ich bin sicher, dass Sie dieses Engagement auch in Zukunft fortsetzen werden.

Das Netzwerk Verbraucherforschung bietet die wichtige Chance, sich gezielt über Verbraucher-Themen auszutauschen, Forschungsergebnisse zu teilen, Ideen in disziplinären Formaten wie interdisziplinären Kontexten einzubringen.
Die Vielfalt der wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit dem Verbraucherbereich befassen, ist ein großes Plus, wenn man die stetig komplexer werdende Welt verstehen und begreifen will.

Wir haben es je nach Bereich mit pluralen, ambivalenten, oft kontroversen Entwicklungen, Wertdifferenzen sowie unterschiedlichen Pfadabhängigkeiten und Gestaltungsoptionen zu tun. Das alles ist nicht mehr auf einen einheitlichen, gar einfachen Nenner zu bringen. Diese neuen, sich aus Unübersichtlichkeit und Komplexität ergebenden Anforderungen führen zu einer mehrdimensionalen Verbraucherpolitik – und damit auch zur Multiperspektive der Verbraucherwissenschaften.

Mehr denn je ist die Verbraucherwelt von großer Vielfalt geprägt. Das heißt umgekehrt: Weniger denn je lassen sich die Verbraucher über einen Kamm scheren. Frühere Eindeutigkeit ist passé.
Werte und Lebenseinstellungen haben sich erheblich individualisiert, was sich übrigens deutlich in Art und Präsentation von Produkten niederschlägt („Bio“ ist nur ein Beispiel). Auch die Verbraucherbereiche haben sich erheblich ausgeweitet, weit über den üblichen Marktkauf hinaus. Energie, Gesundheit, Pflege, Finanzen, Rentenvorsorge, Medien und Telekommunikation – all das gehört heute dazu. Zur Verbraucherpolitik gehört Sachkenntnis in diesen Bereichen.
Gute Politik muss zugleich wissen, was die Verbraucher jeweils ausmacht, was sie umtreibt, welche Lebensvorstellungen sie haben.

Gleichzeitig muss sie wegen der Folgen für Verbraucher wahrnehmen, wie technologischer Fortschritt, wirtschaftliche Entwicklungen, gesellschaftliche Lebenslagen und kultureller Wertewandel aussehen. Machtkonzentrationen, Verteilungsfragen oder Bildungsdefizite sind ebenso im Blick zu behalten wie Individualisierung, Beteiligungsansprüche oder ethische Fragen.
Verbraucherpolitik ist deshalb vielschichtiger geworden. Sie ist mehr als Verbraucherschutzpolitik. Sie ist verstehende, reflexive, wertorientierte, evidenzbasierte, Wirtschaft und Gesellschaft gestaltende Verbraucherpolitik. Präventive, responsive und zukunftsorientierte Ausrichtungen und Strategien gehören heute elementar dazu.

Auch deshalb werden die Verbraucherwissenschaften mit ihren wirtschaftlichen, soziologischen, psychologischen, historischen, kulturellen und rechtlichen Forschungsfragen wie Forschungsergebnissen immer wichtiger. Die Politik braucht die Wissenschaft.

Wir leben heute in einer Übergangszeit, der digitalen Transformation. Das bedeutet, dass wir sowohl von der hergebrachten industriellen Konsumgesellschaft geprägt sind als auch von der sich entwickelnden digitalen Konsumgesellschaft. Beides mischt sich in unserer Gegenwart.

Die Älteren sind noch geprägt von den Entwicklungen, wie neue Küchengeräte kamen, Fernseher, Telefon, Waschmaschine, auch Reisen selbstverständlich wurden, bis hin zur heutigen Warenvielfalt. Mit der Entfaltung der industriellen Konsumwelt hat sich auch Verbraucherschutz und Verbraucherpolitik entwickelt. Manche Probleme sind auch heute noch virulent. Gefährliche Stoffe in Produkten oder Mogelpackungen zum Beispiel. Kürzlich war ich erst auf einer Konferenz, wo es um die vielen Verspätungen bei Flugreisen ging, also um Beseitigung der Missstände und um Verbesserung der Entschädigungen. Bei der Bahn ist es ja ähnlich.

Die Jüngeren wachsen in eine andere, nämlich digitale Konsumwelt hinein. Internet, Smartphone, Soziale (Digital)Medien, Streaming, digitale Filmmedien wie YouTube und Sprachassistenzsysteme sind für sie selbstverständlich. Mit Digitaltechnologien von Künstlicher Intelligenz bis Blochchain steuern wir auf eine neue Welt intelligenter Lösungen zu: Smart Home, Smart City, Smart Country, Smart Farming, Smart Energie, Smart Mobility (etc.) – und, das erhoffe ich, dann auch der digital kompetente Smart Consumer auf Augenhöhe mit Unternehmen. Die Digitalentwicklung führt zu neuem Aufklärungs- und Beratungsbedarf, aber auch zu neuen Schutz- und Regelungsanforderungen.

Ich erinnere an die Datenschutzgrundverordnung, an die Regelungen zum Onlinekauf oder an das Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Hier gibt es nicht nur eine Verantwortung von Konsumenten und Staat, sondern gerade auch der Unternehmen. Das Ministerium hat deshalb eine Initiative dazu gestartet, die die Wahrnehmung digitaler Unternehmensverantwortung (Corporate Digital Responsibility) zum Ziel hat.

Wichtig sind aber auch weitergehende Fragen: Welchen Mehrwert erhalten Verbraucher durch die Digitalisierung? Welche Möglichkeiten eröffnen sich dadurch für eine bessere eigene Lebensgestaltung, für eine gute Gesellschaft und gute Arbeits- und Konsumwelt 4.0? Welche Chancen bieten sich in der digitalen wirtschaftlichen Umgestaltung, Wohlstand und Vielfalt der Konsummöglichkeiten zu erhalten und zugleich Umweltschutz und Nachhaltigkeit zu fördern? Hier liegt eine zentrale Orientierungs- und Gestaltungsaufgabe der Verbraucher-politik, die sinnvollerweise auf die Forschungsergebnisse der Verbraucherwissenschaften zurückgreift.

Wir wollen die hergebrachte industrielle und die neue digitale Konsumwelt verbraucherpolitisch produktiv und innovativ verbinden. Unser Ziel ist es, mit den Verbraucherwissenschaften gemeinsam den Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft und die neue digitale Welt zu gestalten.

Das bedeutet gute, bewährte Regelungen zu bewahren und ebenso, vieles neu zu denken, zeitgemäße moderne Ansätze und Strategien zu entwickeln. Die neue Stärkung staatlicher Verbraucherpolitik – zum Beispiel im individuellen und kollektiven Rechtsschutz – gehört ebenso dazu wie die der Stärkung der Zivilgesellschaft, die Unterstützung von Verbrauchermündigkeit und die Kooperation mit verantwortlichen Unternehmen.

Was macht Verbraucherinnen und Verbraucher stark? Woher kommt die Kraft für die Verbraucherpolitik? Es gibt vielfältige Antworten: aus der Wirtschaft, der Technik, dem Recht, den Verbänden, Organisationen, Initiativen... und vor allem, das möchte ich heute betonen: aus den Erfahrungen, Einsichten und Erkenntnissen der Verbraucherwissenschaften. In diesem Sinne wünsche ich der Jahrestagung interessante Vorträge, spannende Diskussionen und viele Ideen für die weiteren Forschungen.

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