Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

DokumenttypInterview | Datum11. November 2018 | Person Dr. Katarina Barley"Natürlich registriere ich, wenn über die Länge meiner Röcke diskutiert wird"

Justizministerin Katarina Barley (SPD) über den langen Kampf für Gleichberechtigung und warum High Heels in der Politik manchmal praktisch sind

Interviewpartner/in: Dr. Katarina Barley
Autor/in: Roman Eichinger; Angelika Hellemann; Niels Starnick
Medium: Bild am Sonntag
Ausgabe: 45/2018 vom 11. November 2018

Katarina Barley ist eine der wenigen bekennenden Feministinnen in der Spitzenpolitik. Auf ihrem Twitterprofil beschreibt sie sich zuerst als Feministin. Erst dann folgen die Worte Sozialdemokratin und Justizministerin. Weil vor 100 Jahren das Frauenwahlrecht in Deutschland beschlossen wurde, treffen wir die Ministerin zum Gespräch über Frauen, Männer, Ungerechtigkeiten und High Heels.

BILD am SONNTAG: Frau Ministerin, sind Frauen heute in Deutschland gleichberechtigt?

KATARINA BARLEY: Die Gesetze sehen auf dem Papier eine komplette Gleichberechtigung vor, aber Frauen sind in Deutschland noch lange nicht gleichberechtigt. In den Vorständen der deutschen Wirtschaft gibt es mehr Männer mit den Vornamen Thomas und Michael als Frauen.

BILD am SONNTAG: Braucht es noch mal 100 Jahre, bis es wirklich Gleichberechtigung gibt?

KATARINA BARLEY: Ich will schwer hoffen, dass es viel schneller geht. Wenn ich mir das Leben meiner Mutter angucke, hat sich viel getan. Was musste die noch für Kämpfe ausfechten. Meine Schule hat damals an den "Haushaltsvorstand Alan William Barley" geschrieben. Meine Mutter hat die Briefe mit der Bemerkung "Das Kind hat auch eine Mutter" zurückgeschickt.

BILD am SONNTAG: Es geht also Schritt für Schritt voran?

KATARINA BARLEY: Mir macht es echte Sorgen, dass wir gerade Rückschritte erleben. Der Frauenanteil im Bundestag ist 2017 dramatisch auf rund 30 Prozent gesunken. Von der Regierungsbank aus schaue ich auf die Fraktionen von AfD, FDP und CDU/CSU. Da sitzt ganz oft ein Meer von grauen Anzügen. Der Frauenanteil dort beträgt zwischen 10 bis knapp über 20 Prozent. Das ist krass. Ändern wird sich das wohl nur durch ein neues Wahlrecht.

BILD am SONNTAG: Wie kann ein solches Gesetz aussehen?

KATARINA BARLEY: In Europa gibt es dazu unterschiedliche Regelungen. In Frankreich gibt es etwa den Lösungsansatz von Kandidatenlisten der Parteien, die abwechselnd Männer und Frauen vorsehen. Es sind aber auch weitere Ansätze denkbar, um Parteien zur verstärkten Aufstellung von Frauen anzuhalten. Zum Beispiel größere Wahlkreise mit zwei direkt gewählten Abgeordneten unterschiedlichen Geschlechts. Es sind ganz unterschiedliche Modelle denkbar.

BILD am SONNTAG: Welche Lösung gefällt Ihnen am besten?

KATARINA BARLEY: Da bin ich offen, hier stellen sich aber natürlich auch einige verfassungsrechtliche Fragen. Das Wichtigste ist, dass sich Frauen dafür zusammenschließen. Das wird mit Grünen und Linken gehen. Aber auch die CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer hat ein Paritätsgesetz ins Gespräch gebracht. Da nehme ich sie beim Wort. Ich bin jederzeit zu Gesprächen bereit.

Katarina Barley ist Mutter von zwei Söhnen. Der eine hatte im Kindergarten mal eine Phase, in der er rosa Sachen anziehen wollte. Barley erzählt, dass es gar nicht so einfach gewesen sei, ein schlichtes Hemd oder T-Shirt in seiner Lieblingsfarbe zu finden. "Aber so schlimm wie heute war es nicht: Für Jungs alles nur in Blau, für Mädchen alles nur in Rosa", ärgert sich Barley. Sie will keinem Mädchen das rosa Prinzessinnenkleid nehmen. Aber es nervt sie, dass für Mädchen nichts anderes mehr als rosa Tüll und Prinzessinnenkleider angeboten werde.

BILD am SONNTAG: Sie selbst sind Feministin und gelten als bestangezogene Politikerin der SPD . . .

KATARINA BARLEY: Ich sehe da keinen Widerspruch. Ich bin sehr gern Frau. Was ich schwierig finde, wenn Frauen jedes Jahr die Ansage bekommen, was sie als neuesten Modetrend anziehen sollen. Und dasselbe im nächsten Jahr schon wieder als No-Go gilt. Meinen Stil habe ich schon lange, fast alle Sachen trage ich viele Jahre. Aber natürlich registriere ich, wenn bei mir über die Länge meiner Röcke diskutiert wird.

BILD am SONNTAG: Wie gehen Sie damit um?

KATARINA BARLEY: Offenbar glauben alle Designer, dass schmale Frauen auch automatisch klein sind. Wenn man so groß ist wie ich, dann endet der Standardrock über dem Knie. Soll ich jetzt wirklich aufhören, Röcke und Kleider zu tragen? Ich finde, jede Frau muss das anziehen, was ihr gefällt. Ich selbst mag High Heels. Und manchmal sind die sogar politisch praktisch. Einem schwierigen Gesprächspartner im wahrsten Sinne des Wortes auf Augenhöhe zu begegnen, ist ein guter Anfang.

BILD am SONNTAG: In der SPD hat es 150 Jahre gedauert, bis eine Frau Parteichefin werden durfte.

KATARINA BARLEY: Sozialdemokratinnen waren immer die ersten beim Thema Frauenrechte. Beim Vorsitz hat es etwas gedauert, aber nun haben wir mit Andrea Nahles ja endlich eine.

BILD am SONNTAG: Aber die SPD-Chefin wird extrem hart angegangen.

KATARINA BARLEY: Ein wahres Wort! Oft härter und manchmal klar unfairer als ihre männlichen Kollegen.

BILD am SONNTAG: Weil sie eine Frau ist?

KATARINA BARLEY: Ja, davon gehe ich aus. Aber sie hat Nehmerqualitäten und legt ihre ganze Kraft in diese Aufgabe.

BILD am SONNTAG: Werden Frauen wirklich härter beurteilt?

KATARINA BARLEY: Es gibt eine biologische Ungerechtigkeit: Die höhere Stimme von Frauen kann, besonders beim laut Sprechen, schrill klingen. Wenn Frauen im Bundestag reden, höre ich oft beleidigende Bemerkungen über Stimme oder Aussehen, vor allem aus den Reihen der AfD. Es gibt immer noch Männerbünde, bei denen es zum guten Ton gehört, Frauen runterzumachen.

BILD am SONNTAG: Wer ist Ihre persönliche Alice Schwarzer?

KATARINA BARLEY: Wenn Sie damit meinen, wer mein Vorbild ist: meine Mutter. Noch heute ermahnt sie mich, ich solle nicht "Schirmherrin" sagen. Sie findet, dass man selbstbewusst auch "Schirmfrau" oder "Schirmdame" sagen kann. So wie sich früher Feministinnen gegen den Begriff "Amtmännin" gewehrt haben.

BILD am SONNTAG: Sie werden am Montag in einer Woche 50. Wie fühlt sich das an?

KATARINA BARLEY: Die Zeit zwischen 40 und 50 war die beste in meinem Leben. Ich weiß, wer ich bin und was ich will. Frauen über 50 sagen mir, dass es mit der Fünf vorn nicht schlechter wird. Deshalb bin ich ganz gelassen.

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