Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

Headline Veranstaltungen Es kann kein Ende der Geschichte geben

Den 9. November nahm das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz zum Anlass, um ein besonderes Kapitel deutscher Geschichte genauer in den Blick zu nehmen – das Schicksal jüdischer Unternehmer im Nationalsozialismus. Moderatorin Amelie Fried diskutierte dazu mit Experten aus Wissenschaft und Kultur.

Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz Heiko Maas während der Eröffnungsrede zur Veranstaltung: "Konfektion und Repression". Der Gebäudekomplex zwischen Mohrenstraße, Jerusalemer Straße und Kronenstraße liegt mitten im damaligen Konfektionsviertel. Foto: photothek.de / Thomas Trutschel

Der 9. November sei so etwas wie ein Schicksalstag der Deutschen Geschichte, beginnt Bundesminister Heiko Maas seine Eröffnungsrede an diesem Abend. Denn immer wieder wurde an diesem Tag Geschichte geschrieben. Er steht nach dem Fall der Mauer 1989 für Demokratie und Freiheit. Er steht aber auch für Antisemitismus und Diktatur, die sich am 9. November 1938 offen gegen die jüdische Bevölkerung richtete.

Dieses Kapitel der deutschen Geschichte nahm die Gedenkveranstaltung im BMJV genauer in den Blick – speziell das Leben der jüdischen Konfektionäre in Berlins Mitte und deren Schicksale nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933. Denn was bisher wenig bekannt war – das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz hat dazu einen engen Bezug. Der Gebäudekomplex zwischen Mohrenstraße, Jerusalemer Straße und Kronenstraße liegt mitten im damaligen Konfektionsviertel. 59 Unternehmen der Textilherstellung und des Schneiderhandwerks waren hier bis Ende der dreißiger Jahre ansässig.

Jüdische Konfektionäre in der Mohrenstraße 37/38

Ein Forscherteam der Humboldt-Universität zu Berlin hat sich im Auftrag des BMJV mit diesen Unternehmen, ihren Eigentümern und deren Geschichte beschäftigt. „Unsere Gebäude hier haben so viele unterschiedliche historische Momente erlebt“, erzählt Heiko Maas. „Und mit Forschungen wie dieser, die wir heute vorstellen, entdecken wir immer neue Facetten, wie wir diese Geschichte erzählen können. Mit der Studie wollen wir das Andenken an die vertriebenen und ermordeten Menschen pflegen und uns zugleich der Verantwortung der Gegenwart stellen.“

Die Forschungen waren auch für das dreiköpfige Team der Humboldt-Universität besonders. „Das Projekt hat uns Wissenschaftler stark bewegt. Denn es geht hier um konkrete Menschen und greifbare menschliche Schicksale, die uns nach wie vor immer wieder berühren“, beschreibt Prof. Michael Wildt die Besonderheit des Auftrags. In den letzten Monaten forschte der Professor für Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert gemeinsam mit Dr. Christoph Kreutzmüller und Eva-Lotte Reimer. Dank des BMJV bekamen sie erstmals auch Einsicht in bisher verschlossene Akten und konnten so das Bild des jüdischen Lebens nach 1933 am Modezentrum Berlins, dem Hausvogteiplatz, Stück für Stück zusammensetzen. „Man erkennt“, so Kreutzmüller, „dass bereits mit der Machtergreifung 1933 eine Zäsur einsetzt. Dennoch versuchten die jüdischen Unternehmen mit dem sich aufbauenden Druck umzugehen, sie arrangierten sich und schlossen sich zusammen. Dies endete allerdings 1938 mit der massiven Explosion der Gewalt, die den jüdischen Konfektionären dann entgegenschlug.“ Das sei für viele der Betroffenen trotz der ersten Einschränkungen ab 1933 nicht vorstellbar gewesen, ergänzt Wildt. Denn sie fühlten sich als Deutsche und waren ein etablierter Teil der Gesellschaft.

„Sport Adam“

Einer dieser Unternehmer war Fritz Adam. In der 30er Jahren übernahm er gemeinsam mit einem Bruder das Geschäft seines Vaters in der Leipziger Straße, das sich bereits zuvor mit der Herstellung und dem Vertrieb von Sport-Kleidung einen Namen gemacht hatte – „Sport Adam“. Große Erfolge feierte das Unternehmen beispielsweise bei der Ausstattung von Forschungsreisen, u.a. für die erste Südpol-Expedition von Amundsen 1911.

Sein Enkel, Christopher Charlton, erzählte am Abend die Geschichte seines Großvaters Fritz Adam noch einmal: „Das Geschäft meines Großvaters war sehr erfolgreich. Doch auch er flüchtete bereits 1934 vor den Nazis nach London. Viel mehr noch als die Aufgabe des Geschäfts traf ihn die Vertreibung aus seiner Heimat. Er fühlte sich durch und durch deutsch und war auch nach seiner Flucht tief getroffen davon, dass er das alles hinter sich lassen musste“.

Hausvogteiplatz – Modezentrum Berlins

Schicksale wie dieses von Fritz Adam erlebten viele der jüdischen Konfektionäre rund um den Hausvogteiplatz. Das zeigen die Forschungsarbeit der Wissenschaftler der Humboldt-Universität ebenso wie der Dokumentarfilm „Berlin Hausvogteiplatz“ von Dora Heinze. Die freie Filmemacherin und Autorin zeigt in ihrem Film, wie das Leben am Hausvogteiplatz vor 1933 aussah und lässt Zeitzeugen zu Wort kommen. Bis 1933 entwickelte sich hier ein blühendes Modeviertel, wie man es heute vielleicht nur noch in New York und Paris findet, bestätigte auch Stadthistoriker Uwe Westphal, der sich seit Jahren intensiv mit diesem Thema beschäftigt.

Und heute?

All das liege zwar lange zurück, schließt Heiko Maas den Abend. Aber es gebe kein Ende der Geschichte. „Auch heute gibt es Gefahren für Humanität und Freiheit. Das Wissen um die Geschichte kann unsere Sinne dafür schärfen, wenn Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit wieder in Frage gestellt werden.“

Zusatzinformationen

Konfektion und Repression

Das Schicksal jüdischer Unternehmer im Nationalsozialismus auf dem Areal des heutigen Dienstsitzes des Ministeriums

Konfektion und Repression (verweist auf: Konfektion und Repression)