Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

DokumenttypRede | Datum26. Oktober 2017 | Person Gerd BillenStaatssekretär Gerd Billen bei der Jahreskonferenz des Netzwerks Verbraucherforschung

Rede des Staatssekretärs im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz Gerd Billen bei der Jahreskonferenz des Netzwerks Verbraucherforschung „Paradoxien des Verbraucherverhaltens“ am 26. Oktober 2017 im BMJV in Berlin

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT!

Lieber Herr Prof. Dr. Kenning,
liebe Frau Prof. Blättel-Mink,
lieber Herr Prof. Di Fabio,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie hier sehr herzlich zur zweiten Jahrestagung des Netzwerks Verbraucherforschung. Dass Sie so zahlreich zu uns gekommen sind, zeigt zweierlei:
Erstens: Verbraucherforschung gewinnt durch viele und vielfältige Akteure, und zweitens: Verbraucherforschung ist spannend – sie behandelt wichtige Themen unserer Zeit, einer Zeit, die immer vielschichtiger und komplexer wird und gleichzeitig von Ambivalenzen, Widersprüchen, Paradoxien gekennzeichnet ist.

Das zeigt sich auch im Verbraucherverhalten. Das diesjährige Konferenzthema trifft deshalb thematisch genau ins Schwarze. Häufig sehen wir: Verbraucher sagen das eine, tun jedoch im Alltag etwas ganz anderes.

Lieber Herr Professor Di Fabio,
lassen Sie mich an dieser Stelle bereits an Ihre Arbeit in der Ethik-Kommission zum automatisierten und vernetzten Fahren anknüpfen. Warum akzeptieren Verbraucher/innen die Steuerung durch technische Automatisierung manchmal mehr (z.B. Luftfahrt), manchmal weniger (z.B. automatisierte Fahren)? Oder: Warum ziehen Verbraucher/innen Bequemlichkeit und persönlichen Nutzen im Digitalbereich den eigenen Sicherheitsbedürfnissen vor?

Diese Fragen zeigen, es ist essenziell, heute mehr zu erfahren über solche und andere unterschiedliche Ambivalenzen und Paradoxien im Verbraucherverhalten.
Wie kommen sie zustande? Wie lassen sie sich erklären?
Und: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Verbraucherpolitik?

Meine Damen und Herren,
um Widersprüche im Verhalten der Menschen besser zu verstehen, sind wir auf Sie und Ihre Erkenntnisse – als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – angewiesen.

In einer hochkomplexen Welt braucht die Politik die Wissenschaften. Und Verbraucherpolitik braucht vor allem die Verbraucherwissenschaften. Es ist von großer Bedeutung, in einem ersten Schritt daher zunächst die Etablierung der Verbraucherwissenschaften zu fördern.

In einem zweiten Schritt geht es darum, diese Anregungen aus den Verbraucherwissenschaften stärker als bisher in die politische Willensbildung und die Entscheidungsprozesse einfließen zu lassen.

Mit dem zweiten bundesweiten Kongress gehen wir diesen Weg – sehr erfolgreich – weiter. Die Bedeutung der Verbraucherforschung wird immer mehr in Deutschland anerkannt und nachgefragt.
Wir schließen damit auch international auf, wo die Verbraucherforschung seit langem große Geltung besitzt.

Mit der Unterstützung der Geschäftsstelle des Netzwerks Verbraucherforschung konnten wir die Anreize für die Wissenschaft verstärken und die notwendige dauerhafte Struktur für Austausch und Kooperation verfestigen.

Meine Damen und Herren,
der Verbraucheralltag ist geprägt von einer Vielzahl von Entscheidungen. Kleine Details und die jeweilige Situation können dabei große Auswirkungen darauf haben, wie sich Verbraucherinnen und Verbraucher verhalten.

Immer stärker wird uns bewusst, dass Menschen häufig nicht ausschließlich rational handeln oder urteilen. Sie entscheiden oftmals spontan, geleitet durch Gewohnheiten oder Lebenserfahrungen – das ist Teil der menschlichen Natur.
Hierbei handelt es sich um Erkenntnisse der Verhaltensökonomie. Ihr Vertreter, Richard Thaler, hat in diesem Jahr für seine Beiträge zur Verhaltensökonomik sogar den Wirtschaftsnobelpreis erhalten.

Meine Damen und Herren,
in der vergangenen Legislaturperiode hat die Bundesregierung mit dem Projekt „wirksam regieren“ bereits angefangen, den Fokus auf die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger zu lenken.

Gesetze, Verwaltungsvorschriften oder Formulare – die Politik muss sich vor Augen führen, was die Menschen brauchen, um sie auch erreichen zu können.

Beispielsweise mit den Fragen:
Wo wirkt ein Warnhinweis bei der Vermögensberatung?
Wer schaut ihn an, wen interessiert das nicht?
Wie bringe ich am besten zum Ausdruck, was sich hinter einem Gesetz verbirgt?

Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz hat beispielsweise untersuchen lassen, welche Berufsbezeichnung für die Honorarberatung dem Kunden genau das vermittelt, was sie ist: eine unabhängige Beratung frei von Interessenskonflikten. Ist es der Begriff „Coach“? Oder eher „Freier Berater“? Oder „staatlich zugelassener Experte“?


Meine Damen und Herren,
Erkenntnisse der Verbraucherwissenschaft sind für uns wichtig. Sie leistet einen enormen Beitrag, Politik zu vermitteln und zu denen zu transportieren, für die sie bestimmt ist.

Meine Damen und Herren,
der Verbraucheralltag steht in unserer hochkomplexen, technisierten Welt vor vielen Fragen und Problemen. Die digitale Welt verändert Arbeit und Wirtschaft, unterschiedliche Lebensstile führen zu veränderten Verbraucherkulturen, Konsum und Konsumgesellschaft nehmen neue Formen an.

In dieser sich wandelnden Welt ist, wie ein deutsches Sprichwort sagt, „die Wissenschaft ein guter Wanderstab“.
Das gilt auch für die Verbraucherwissenschaften.
Die Verbraucherwissenschaften müssen systematisch verankert werden mit dem Ziel, die Anregungen aus den Verbraucherwissenschaften stärker als bisher in die politische Willensbildung und die Entscheidungsprozesse einfließen zu lassen.

Die Themenbandbreite der Verbraucherforschung ist mir grundsätzlich sehr wichtig: Verbraucherpolitik beschränkt sich eben nicht nur auf Wirtschaftspolitik von der Nachfrageseite. Sie ist immer auch Ernährungspolitik, Gesundheitspolitik, Energiepolitik, Sozialpolitik und heute insbesondere auch Digitalpolitik.

Gerade die digitale Transformation ist ein (Verbraucher-)Thema, das insbesondere von den Verbraucherwissenschaften profitieren wird. Es ist daher eine Bereicherung, dass die Digitalisierung in dieser Legislaturperiode bereits vom Forschungsnetzwerk und Sachverständigenrat intensiv aufgegriffen wurde.

Die Strukturen der Verbraucherforschung gilt es nun weiter zu stärken: In dieser Legislaturperiode haben wir es geschafft wichtige Verbraucherforschungsstrukturen – insbesondere das Netzwerk – zu verankern. Jetzt müssen wir die Energie einsetzen, um diese Strukturen zu verbreitern und ihre Sichtbarkeit in Wissenschaft und Öffentlichkeit zu erhöhen.

Damit verbunden ist ein Fokus auf die Forschungsförderung: Hier haben wir viel getan durch Aufrufe zu Projekten mit wichtigen Themen: Personalisierte Daten, Sharing Economy, Internet der Dinge oder Wandel der Verbraucherrollen. Über die große Resonanz der Forschungscalls in der Wissenschaft haben wir uns sehr gefreut.

Ein Anliegen, das mir in dieser Perspektive wichtig ist, ist die Nachwuchsförderung: Es muss das Ziel sein, vermehrt junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für Verbraucherthemen zu interessieren. Wir brauchen auch junge Wissenschaftler, die die Verbraucherforschung in der Öffentlichkeit und in Gremien vertreten.

Damit werden die Verbraucherwissenschaften weiter wachsen und an Perspektive gewinnen.

Vielen Dank.