Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

DokumenttypRede | Datum27. Juli 2017 | Person Christiane Wirtz„100 Jahre Frauenwahlrecht. Ziel erreicht! …und weiter?“

Grußwort der Staatssekretärin im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz Christiane Wirtz anlässlich der Buchpremiere am 26. Juli 2017
im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz.

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT!

Sehr geehrte Frau Parlamentarische Staatssekretärin Ferner,
sehr geehrte Frau Pisal,
sehr geehrte Gäste,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

am 19. Februar 1919 hielt Marie Juchacz als erste Abgeordnete in der Nationalversammlung eine Rede und begann mit der Anrede

„Meine Herren und Damen!“. Der Protokollführer notierte „Heiterkeit“. Und damit begann die Zeit der Gleichberechtigung im deutschen Parlament.

Meine Herren und Damen,
das Wahlrecht für Frauen in Deutschland wird nächstes Jahr 100 Jahre alt. Das kann man gar nicht früh genug feiern, und deshalb beginnen wir heute schon damit.
Der Anlass: Die Veröffentlichung des Buches „100 Jahre Frauenwahlrecht. Ziel erreicht! …und weiter?“

Eingeführt wurde das Wahlrecht im November 1918. Und im Januar 1919 war es dann soweit: Frauen durften bei der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung wählen und gewählt werden.
Und das taten sie: 82% der wahlberechtigten Frauen gingen zur Wahl, 37 Frauen gehörten der verfassungsgebenden Nationalversammlung an.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen sagen viel über eine Gesellschaft und die in ihr vorherrschenden Ansichten und Wertvorstellungen aus. Das führt mich zu der Frage, warum Frauen so lange auf das Wahlrecht warten mussten?

Der konservative Politiker Hermann Jakobs fand 1893: "Die Stimme der Frau taugt ja schon gar nicht zu politischen Reden.“

Der preußische Innenminister
von Hammerstein erklärte im Jahr 1902, dass die leichte Erregbarkeit von Frauen das Volk zu sehr irritieren würde. Deshalb hätten sie in der Politik nichts verloren.
Auch mit verminderter Intelligenz von Frauen wurde argumentiert, ebenso mit der vermeintlichen „natürlichen Bestimmung“, nach der Frauen im Privaten zu Hause seien.

Marie Juchacz hat damals also nicht nur für die die Änderung eines bloßen Paragrafen gekämpft. Das aktive und passive Wahlrecht für Frauen einzuführen, bedeutete, Ressentiments in der Gesellschaft gegenüber Frauen abzubauen und war damit ein bedeutender Schritt auf dem Weg zur Gleichstellung von Männern und Frauen.

Meine Damen und Herren,
1918 wurde nicht nur das aktive Wahlrecht eingeführt, sondern auch das passive, mit dem Frauen überhaupt als Repräsentantinnen gewählt werden können.
Trotzdem beobachten wir in der Politik, dass Frauen dort auch heute noch unterrepräsentiert sind. Heute, in dieser Legislaturperiode, gibt es 234 Frauen im Bundestag, das ist ein Anteil von 37%.

Im September wird sich der Bundestag nach der Wahl neu zusammensetzen, und dabei kann der Anteil der Frauen im Bundestag – in bestimmten politischen Konstellationen – leider wieder sinken. Es lohnt also, sich die Listen der Parteien auch daraufhin anzuschauen.

Meine Damen und Herren,
ein sinkender Frauenanteil in der Politik wäre bedauerlich, gerade, wenn man die Vorbildfunktion beachtet, die Frauen in Spitzenämtern einnehmen. Denn eines wissen kleine Mädchen heute:
„Wenn ich groß bin, kann ich auch Bundeskanzlerin werden, Ministerin oder Ministerpräsidentin.“

Frauen in Politik und Wirtschaft zeigen, dass tatsächlich die Möglichkeit besteht, dass Frauen Spitzenämter bekleiden und sie prägen das Bild für Frauen in der deutschen Gesellschaft.

Mit dem aktiven und passiven Wahlrecht für Frauen leben wir seit 99 Jahren in einer Gesellschaft, in der Männer und Frauen gemeinsam darüber entscheiden, wie wir unser Land gestalten wollen.

Hierzu gehört auch die Entscheidung, immer wieder zu prüfen, wie es um die Gleichberechtigung in der Praxis bestellt ist.

Weltweit liegt Deutschland nach einer Studie des Weltwirtschaftsforums zur Chancengleichheit auf Platz 13 von 144.

Das ist keine schlechte Platzierung, doch da ist immer noch Luft nach oben. Gemeinsam mit dem Familienministerium haben wir in dieser Legislaturperiode deshalb die sogenannte Frauenquote eingeführt, um den Anteil von Frauen in Führungspositionen im privaten und öffentlichen Sektor zu erhöhen.

Die Studie zeigt leider auch, dass es kein Land auf der Erde gibt, in dem Frauen vollständig gleichgestellt sind.

Meine Damen und Herren,
das Wahlrecht ist der Schlüssel zur Gleichberechtigung – um teilzuhaben, um mitzugestalten und um mitzuentscheiden, in welcher Gesellschaft wir leben möchten.

Frauen wie Marie Juchacz haben dafür gesorgt, dass Frauen in Deutschland wählen und gewählt werden können. Und als sie die erste Rede einer Frau in der Nationalversammlung hielt, sagte sie zur Einführung des Frauenwahlrechts:
„Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit; sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.“

Sie hat Recht behalten; das Wahlrecht für Frauen betrachten wir heute als eine Selbstverständlichkeit.

Doch unsere Wahlmöglichkeiten gehen weiter. Nicht nur alle vier Jahre, sondern geradezu tagtäglich entscheiden wir Frauen und Männer, wie wir in Deutschland gemeinsam leben möchten.
Und es ist an uns allen, immer wieder zu fragen, wie wir die Chancengleichheit weiter erhöhen können:

Zum Beispiel, indem wir anderen ein Vorbild sind; als Frau selbstbewusst eine neue Position annehmen und als Mann ebenso selbstbewusst in Elternzeit gehen.
Indem wir als Arbeitgeber über Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeiten nachdenken.
Indem wir uns dafür einsetzen, dass das Gehalt rein nach Leistung bezahlt wird.

Und indem wir uns immer wieder vergegenwärtigen, wo wir auf diesem Weg zur Gleichberechtigung stehen.

1902 befand der eingangs erwähnte Politiker Hermann Jakobs weibliche Stimmen für die Politik untauglich – doch heute, in diesem Buch, kommen ausschließlich Frauen zu Wort.
Sie haben etwas zu sagen: Denn sie haben unsere Gesellschaft scharf beobachtet und ziehen kluge Resümees.

Liebe Frau Beerheide, liebe Frau Rohner,
vielen Dank, dass Sie die Stimmen so vieler Frauen zusammengetragen haben, um uns daran zu verdeutlichen, dass es an uns allen ist, das weiterzuentwickeln, was vor 99 Jahren errungen haben und was noch zu tun bleibt.

Vielen Dank.