Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

DokumenttypRede | Datum12. Juni 2017 | Person Heiko MaasEhrung der Anne-Frank-Botschafter*innen 2017 des Anne-Frank-Zentrums

Grußwort des Bundesministers der Justiz und für Verbraucherschutz Heiko Maas bei der Ehrung der Anne-Frank-Botschafter*innen 2017 des Anne-Frank-Zentrums am 12. Juni 2017 in Berlin

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT!

Sehr geehrter Herr Voßkamp,
sehr geehrter Herr Siegele,
liebe Anne-Frank-Botschafterinnen und -Botschafter,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

Wer selbst Kinder hat oder wer sich an seine eigene Jugend erinnern kann, der weiß: Niemand hat bei Jugendlichen so viel Einfluss wie andere Jugendliche. Was Gleichaltrige – Freunde oder Mitschüler – sagen und tun, hat häufig viel mehr Gewicht und Autorität als Eltern oder Lehrer.

Es ist deshalb eine kluge Idee, junge Menschen so auszubilden, dass sie Altersgenossen durch die Ausstellungen des Anne-Frank-Zentrums führen können.

Ihnen und Ihrem Team, lieber Herr Siegele, gratuliere ich zu dieser Idee. Und Ihnen, liebe Anne-Frank-Botschafterinnen und -Botschafter, danke ich für Ihr Engagement und Ihren Ideenreichtum.

Sie zeigen mit Ihren Projekten, dass unser Leben nicht irgendwo in einem luftleeren Raum abläuft, sondern zwischen dem notwendigen Erinnern an das Gestern und dem mutigen Gestalten der Gegenwart – ganz in der Tradition der Namensgeberin Anne Frank.

Mit Ihrer Arbeit klären Sie andere Jugendliche über die Schrecken des Nationalsozialismus, den Völkermord an den Juden Europas und den Zweiten Weltkrieg auf. Besser als jeder Erwachsene können Sie Ihren Altersgenossen vermitteln, warum eine Welt ohne Vorurteile, ohne Hass und ohne Unterdrückung wichtig ist – und dass jeder etwas dafür tun muss, damit es diese Welt gibt.

Anne Frank wurde ein Opfer von Rassismus und Nationalismus, von Ausgrenzung und dem Hass gegenüber Minderheiten.

Leider sind solche Erscheinungen nicht nur Geschichte. Auch heute gibt es Menschen, die behaupten, dass andere Menschen weniger wert sind. Da wird etwa gegen schwarze Fußballer in unserer Nationalmannschaft gehetzt, da werden Flüchtlinge attackiert und da werden Menschen wegen ihrer Religion pauschal unter Verdacht gestellt.

Hass gegen Minderheiten und gegen Fremde gibt es leider auch heute wieder viel zu viel. Wir erleben das auf der Straße, in der U-Bahn, in der Schule – und leider auch im Internet.

Gerade der Hass und die Hetze im Netz erreicht vor allem Jugendliche. Vor zwei Wochen ergab eine repräsentative Umfrage, dass 94 Prozent der Internet-Nutzer zwischen 14 und 24 Jahren schon einmal auf Hass-Kommentare gestoßen sind. Das ist eine erschreckend hohe Zahl!

Bedrohungen, Beleidigungen und Mobbing sind in sozialen Netzwerken besonders gefährlich, da sie sich über das Internet in Windeseile verbreiten und kaum zu stoppen sind, wenn die menschenverachtende Lawine erst einmal rollt.

In viel zu vielen Fällen sind strafbare Worte auch die Vorstufe zu gewaltsamen Taten.

Liebe Anne-Frank-Botschafterinnen und -Botschafter,
ich bin überzeugt: Menschen können aus der Geschichte lernen – und deshalb ist Ihre Arbeit so wichtig.

Wer das Leiden Anne Franks und das Grauen der Juden-Verfolgung kennt, der wird nicht so leicht empfänglich dafür, wenn Extremisten heute wieder Stimmung gegen Minderheiten machen.

Im Gegenteil: Historisch gebildete und pädagogisch geschulte junge Menschen wie Sie können die Rassisten von heute entzaubern. Sie können aufzeigen, dass Anne Frank und ihre Familie Flüchtlinge waren, die aus Hass und Rassenwahn aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Sie waren Flüchtlinge, wie es sie leider auch heute wieder gibt. Sie können erklären, wie die Familie Frank nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande in die Konzentrationslager der Nazis verschleppt wurde. Sie können deutlich machen, wie dies auch deshalb möglich war, weil es zu viele Menschen gab, die in blindem Gehorsam verbrecherische Befehle ausgeführt haben.

Und Sie können den jungen Ausstellungsbesuchern zeigen, wie wichtig es ist, sich selbst eine Meinung zu bilden, sich zu engagieren und nie zu vergessen, dass der höchste Wert, den es in unserer Gesellschaft gibt, die Würde des Menschen ist. Und diese Würde besitzt jeder und jede gleichermaßen, unabhängig von Hautfarbe, Herkunft und Religion.

Meine Damen und Herren,
die Ausbildung zu Anne-Frank-Botschaftern ist in erster Linie ein geschichtspädagogisches Konzept, aber sie ist weit mehr als das. Sie ist auch ein wertvoller Schritt auf dem Weg in die Erwachsenenwelt: Anhand Ihrer jeweiligen Projektidee lernen Sie, ein Konzept zu erstellen, die Umsetzung zu organisieren, die Öffentlichkeit zu erreichen und die Finanzierung zu sichern.

Dies alles sind auch wichtige Kompetenzen, um später in der Arbeitswelt erfolgreich zu sein.

Ich danke dem Anne-Frank-Zentrum für dieses großartige Projekt, mit dem es historisches Wissen an die junge Generation weitergibt. Das stärkt und schützt unsere Demokratie, die keine gottgegebene Selbstverständlichkeit ist.

Und ich danke unseren jungen Anne-Frank-Botschafterinnen und -Botschaftern, dass sie sich bei diesem Projekt engagieren. Wir brauchen junge Menschen wie Sie, die in so großartiger Weise Verantwortung für Ihr Land und für Ihre Generation übernehmen.

Meine Damen und Herren,
Anne Frank wurde im Frühjahr 1945 im KZ Bergen-Belsen ermordet. Sie wurde nur 15 Jahre alt.

Heute, am 12. Juni, ist ihr Geburtstag. Sie wäre heute 88 Jahre alt geworden.

Man sagt: Tot ist nur, wer vergessen ist. Anne Frank ist nicht vergessen.

Wir alle pflegen die Erinnerung an Anne Frank, und wir tun das mit einem klaren Ziel: Nie wieder sollen Menschen ein so unmenschliches Schicksal erleiden müssen wie Anne Frank und Millionen andere. Dafür arbeiten Sie alle – und deshalb ist Ihre Arbeit so wichtig.