Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

DokumenttypRede | Datum9. November 2016 | Person Heiko MaasKonfektion und Repression: Das Schicksal jüdischer Unternehmerin der Mohrenstraße 37/38 während der NS-Zeit

Rede des Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz Heiko Maas bei der Vorstellung des Forschungsberichts Konfektion und Repression: Das Schicksal jüdischer Unternehmer in der Mohrenstraße 37/38 während der NS-Zeit am 9. November 2016 in Berlin

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT!

Sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages,
sehr geehrter Herr Gesandter Nir-Feldklein,
liebe Amelie Fried,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Ministerium,
verehrte Gäste!

Der 9. November ist so etwas wie ein Schicksalstag der deutschen Geschichte. Immer wieder wurde an diesem Tag Geschichte geschrieben: Von der Ausrufung der Republik im Jahr 1918 bis zum Fall der Berliner Mauer 1989.

Dieses Gebäude hier hat bekanntlich einen besonders engen Bezug zum letzten denkwürdigen 9. November. An dieser Stelle befand sich das Presseamt der DDR-Regierung und ziemlich genau hier, wo wir uns gerade befinden, war der Saal, in dem Günter Schabowski die legendäre Pressekonferenz gab, die am 9. November 1989 zum Fall der Berliner Mauer führte.

Dieser Teil der Geschichte des Gebäudes ist allseits bekannt und auch hier im Ministerium gut dokumentiert, weil wir meinen, dass der Ort, an dem Freiheit und Bürgerrechte für 17 Millionen DDR-Bürger ihren Ausgang genommen haben, ein guter Platz für das Justizministerium ist.

Was bislang sehr viel weniger publik war, ist die Tatsache, dass wir auch zum 9. November 1938 einen engen Bezug haben; also zu dem Tag, an dem die Nazis ihr antijüdisches Pogrom verübten, das viele zynisch „Reichskristallnacht“ nannten.

Die Gegend um den Hausvogteiplatz war bis zum Holocaust das Zentrum der deutschen Modewelt. Hier hatten viele bekannte Konfektionshäuser, Ateliers und Zwischenmeister ihren Sitz.Wegen ihrer Diskriminierung in anderen Berufen waren im Textilgeschäft traditionell viele Juden tätig. So war das auch hier. Allein auf dem Gelände unseres Ministeriums hatten fast 60 jüdische Betriebe ihren Sitz.

Dieses Konfektionsviertel gab es solange, bis die Nazis die Betriebe enteignet, die Unternehmer verfolgt und viele von ihnen ermordet haben. Über diesen Teil unserer Gebäudegeschichte haben wir bislang wenig gewusst – aber das wollen wir mit dem heutigen Tag gründlich ändern und ich freue mich über Ihr großes Interesse daran: Herzlich Willkommen bei uns im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz!

Ich freue mich besonders, dass wir mit Dora Heinze und Uwe Westphal zwei Kenner des jüdischen Konfektionsviertels bei uns haben; von beiden werden wir gleich im Anschluss noch mehr erfahren.

Einen weiteren Gast möchte ich besonders herzlich begrüßen. Seinem Großvater gehörte einst das erfolgreiche Modehaus „Sport Adam“ in der Leipziger Straße. Vor den Verfolgungen der Nazis flüchtete er 1934 nach England. Verarmt und verzweifelt über die Vertreibung starb Fritz Adam bereits wenig später in London. Sein Enkel ist heute bei uns, und wir sind glücklich darüber und bewegt: Herzlich willkommen, Christopher Charlton!

Meine Damen und Herren,
im vergangenen Monat haben wir an dieser Stelle die „Akte Rosenburg“ präsentiert. Wir haben uns damit befasst, wie das Justizministerium in den 50er und 60er Jahren mit der NS-Vergangenheit umgegangen ist. Das war wichtig, denn wir stehen in der Kontinuität jener Behörde, die einst in Bonn in der Rosenburg ihren Sitz hatte.

Heute geht es um die Geschichte dieses Gebäudes – und die ist viel greifbarer als die bloß institutionelle Geschichte. An manchen Stellen findet man bis heute Spuren der Vergangenheit: Im alten Treppenhaus etwa erinnern Aufschriften an die früheren Textilwerkstätten, und in die Fassade an der Mohrenstraße sind einige der Handelsnationen eingemeißelt, in die die Geschäftsleute vom Hausvogteiplatz ihre Waren verkauft haben.

Nun fragt sich vielleicht mancher: „Was hat all das heute mit dem Ministerium zu tun?“ Ich finde, es hat eine ganz Menge mit uns zu tun.

Unser Ministerium steht heute im Dienst von Recht und Gerechtigkeit. Und deshalb meine ich: Wer heute in diesem Haus für das Recht arbeitet, der sollte wissen, welches Unrecht den Menschen geschehen ist, die früher hier tätig waren! Wir haben deshalb die Humboldt-Universität gebeten, die Geschichte unseres Gebäudes und das Schicksal seiner früheren Bewohner zu erforschen

Jetzt liegt der Forschungsbericht vor und wir haben ihn für Sie, meine Damen und Herren, als Broschüre gedruckt – er liegt auf Ihren Plätzen aus. Wir werden später noch im Detail über die Ergebnisse sprechen, aber schon jetzt gilt mein großer Dank den drei Wissenschaftlern, die diesen Bericht erstellt haben: Professor Michael Wildt, Dr. Christoph Kreutzmüller und Eva Lotte Reimer – herzlichen Dank für Ihre Arbeit! 

Meine Damen und Herren,
mit dieser Studie wollen wir das Andenken an die vertriebenen und ermordeten Menschen pflegen und uns zugleich der Verantwortung für die Gegenwart stellen.

Die „Akte Rosenburg“ hat gezeigt, wie fatal es war, dass sich viele Juristen nur als bloße Techniker des Rechts verstanden haben. An rechtsstaatlichen Werten dagegen hat es ihnen oft gefehlt. Dies hat sie erst zu Mittätern des Nazi-Unrechts gemacht und später zu Bremsern der rechtsstaatlichen Erneuerung in der Bundesrepublik.

All das liegt lange zurück, aber es gibt kein Ende der Geschichte. Auch heute gibt es Gefahren für Humanität und Freiheit. Das Wissen um die Geschichte kann unsere Sinne dafür schärfen, wenn Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit wieder in Frage gestellt werden.

Wenn wir heute über Diskriminierung, Antisemitismus und Rassismus sprechen, dann ist es hilfreich, sich daran zu erinnern, was solche Ideologien in der deutschen Geschichte bereits angerichtet haben; dann ist es hilfreich, sich daran zu erinnern, was sich heute vor 78 Jahren, am 9. November 1938, hier in der Mohrenstraße abgespielt hat.

Wir wissen sehr genau, wie die SA-Männer in jener Nacht die jüdischen Geschäfte hier demoliert haben. Eine Zeitzeugin hat es überliefert:

„Eine Gruppe von zehn bis elf Mann drang mit langen Eisenstangen und Beilen bewaffnet in die Engros-Geschäfte ein, um dort alles, aber auch alles, was es nur zu zerstören gab, in Trümmer zu schlagen. ... Kleider, Pelze, Lampen, Garderobenständer, ja sogar Blumentöpfe aus den Verkaufsräumen wurden auf die Straße geworfen. Die gesamten Buchhaltungen, Arbeitszettel und Kartotheken flogen auf die Straße. ... Unten sorgten die Antreiber und Aufpasser dafür, dass die Straße frei war.“

Die Bilanz des Pogroms war verheerend. In ganz Deutschland wurden in jener Nacht:

  • 7500 Geschäfte zerstört und geplündert,
  • 1400 Synagogen und Betstuben in Brand gesteckt,
  • 30.000 Menschen in Konzentrationslager verschleppt,
  • und 400 Menschen ermordet.

Wenige Tage später wurde zum Ausgleich für die volkswirtschaftlichen Schäden den Opfern eine Bußzahlung von einer Milliarde Reichsmark auferlegt. So sahen damals Recht und Gerechtigkeit in Deutschland aus.

Meine Damen und Herren,
mit Blick auf diese Geschehnisse ist es ein kleines Wunder, dass wir heute wieder ein blühendes jüdisches Leben in Deutschland haben:

  • Fast 130.000 Juden leben in Deutschland; vor 25 Jahren waren es kaum 30.000.
  • Neue Synagogen sind entstanden oder erstrahlen – wie in der Oranienburger Straße – im neuen Glanz.
  • Und im vergangenen Jahr fanden erstmals seit 1929 wieder die Europäischen Makkabi-Spiele in Deutschland statt.

Dieses jüdische Leben ist ein unverdientes Glück für unser Land. Das Vertrauen aber, das so viele Juden heute wieder in Deutschland setzen, können wir sehr wohl verdienen und das heißt: Wir müssen alles dafür tun, damit Jüdinnen und Juden in diesem Land sicher sind. Gegenüber Antisemitismus darf in Deutschland deshalb weiter nur eines gelten, nämlich null Toleranz!

Wir haben zugleich die Pflicht, die freiheitliche Demokratie vor ihren neuen Gegnern zu schützen. In den 30er Jahren, kurz vor dem Pogrom, klebten an den Schaufenstern der jüdischen Geschäfte Zettel mit der Parole: „Wer beim Juden kauft, ist ein Volksverräter“.

Volksverräter? Seit einiger Zeit haben solche Begriffe aus dem Wörterbuch des Unmenschen in Deutschland wieder Konjunktur:

  • „völkisch“,
  • „Umvolkung“
  • „Volksverräter“ – das hört man derzeit in gewissen Kreisen ja immer wieder.

Ganz gleich, ob dies reine Ignoranz ist,eine pubertäre Lust an der Provokation oder die bewusste Verschiebung des Sagbaren nach rechts: Ich glaube, es stimmt, was der Historiker Norbert Frei vor kurzem dazu in der Süddeutschen Zeitung geschrieben hat: Wir müssen immer wieder daran erinnern, wohin vor zwei Generationen die Fantasien der ersten völkischen Bewegung hinausliefen:auf den Völkermord an den Juden Europas.

Das wollen wir heute tun und deshalb ist es so wichtig, dass wir die Geschichte dieses Gebäudes und das Schicksal seiner Bewohner kennen!

Herzlichen Dank!