Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

DokumenttypRede | Datum8. Juni 2016 | Person Heiko MaasVorführung des Films „Sternstunde ihres Lebens“

Rede des Bundesministers der Justiz und für Verbraucherschutz, Heiko Maas, bei der Vorführung des Films „Sternstunde ihres Lebens“in der Reihe GeschichtsKino im BMJV am 07. Juni 2016

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT!

Meine Damen und Herren,
liebe Gäste,

herzlich Willkommen hier zum Geschichtskino im BMJV. Das ist jetzt der dritte Film, den wir in dieser Reihe zeigen, und ich freue mich, dass das Interesse auch heute wieder so groß ist.

Wir zeigen heute die Geschichte einer mutigen Frau und die Geschichte von fünf wichtigen Worten. Diese Worte stehen in Artikel 3 des Grundgesetzes und lauten: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“.

Die Frau, der wir diese fünf Worte verdanken, war Elisabeth Selbert. Ohne sie wäre damals der Satz "Männer und Frauen haben die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten.“ in unsere Verfassung aufgenommen worden. Das war die Alternativformulierung. Das wären zwar mehr Worte, aber es wäre weniger Gleichberechtigung gewesen. Damit wäre nämlich das Zivilrecht, das Familienrecht und vieles andere mehr von der Gleichberechtigung ausgeklammert gewesen. Frauen wären dann im Einklang mit der Verfassung auch weiterhin – und so war das wirklich damals – nur "beschränkt geschäftsfähig" gewesen und hätten ohne Zustimmung ihres Ehemanns nicht einmal einen Kaufvertrag abschließen können. Auch die Diskriminierung der Frauen im Familienrecht wäre geblieben, die wir heute Stück für Stück abgebaut haben unter Berufung auf das Grundgesetz.

Die Frauen haben Elisabeth Selbert also viel zu verdanken und das merkt man auch diesem Film auch an. Es gibt ja noch immer viel zu wenig Filme, die von Frauen gemacht werden, aber in diesem Film dreht sich nicht nur alles um Frauen, sondern er ist auch von Frauen gemacht:

  • Von der Autorin Ulla Ziemann,
  • der Produzentin Juliane Thevissen,
  • der Regisseurin Erica von Moeller
  • und der Hauptdarstellerin Iris Berben.

Elisabeth Selbert hätte sich darüber ganz sicher gefreut. Auch deswegen setzen Sie ihr mit diesem Film ein ganz besonderes Denkmal, und ich freue mich, dass Sie heute Abend bereit sind, mit uns später über diesen Film zu diskutieren.

Meine Damen und Herren,
wer weiß, ob Elisabeth Selbert sich gegen die vielen Männer im Parlamentarischen Rat damals durchgesetzt hätte, wenn sie sich nicht schon ihr ganzes Leben lang durchgeboxt hätte.

Ihr Abitur muss sie 1926 nachträglich machen, denn im Kaiserreich war der höhere Schulabschluss ihren männlichen Mitschülern vorbehalten.

Erst mit 30 und als Mutter von 2 Kindern hat sie begonnen Jura zu studieren. Die Diskriminierung von Frauen war damals noch Alltag. Als in einer Vorlesung das Sexualstrafrecht behandelt wurde, schickte sie der Professor vor die Tür. Das sei kein Thema für Frauen.

Ihre Doktorarbeit schrieb Elisabeth Selbert über ein faires Scheidungsrecht und 1934 wurde sie als eine der letzten Frauen zur Rechtsanwältin zugelassen, bevor die Nazis das Rad wieder zurückdrehten und Frauen in die Rolle als Mutter und Hausfrau drängten. Weil ihr Mann Berufsverbot bekommen hatte, musste sie bis zum Kriegsende die Familie auch allein ernähren.

Elisabeth Selbert verstand also eine ganze Menge von Diskriminierung, Chancengleichheit und Doppelbelastung, als sie 1948 in den Parlamentarischen Rat kam.

Als die Männer dort die Gleichberechtigung der Frauen im Grundgesetz blockieren wollten, schlägt die große Stunde von Elisabeth Selbert: In nur sechs Wochen mobilisiert sie die deutsche Öffentlichkeit. Zahllose Frauenverbände protestieren in Bonn. Waschkörbeweise gehen Briefe beim Parlamentarischen Rat ein. Die weiblichen Abgeordneten aller deutschen Landtage sprechen sich für den Selbert-Vorschlag aus. Sie entfacht einen regelrechten Sturm in der Öffentlichkeit. Schon vor dem hashtag, auch ohne Internet und Twitter führt Elisabeth Selbert eine politische Kampagne für die Rechte der Frauen. Wie genau sie das anstellte, davon erzählt dieser Film.

Es ist wichtig, dass wir uns auch heute an diese Frau erinnern, deswegen zeigen wir seit gestern hier im Hof eine Ausstellung über Elisabeth Selbert und die anderen "Mütter des Grundgesetzes“ und heute diesen tollen Film.
Bevor es jetzt gleich losgeht, möchte ich aber noch einmal kurz die Hauptdarstellerin hier nach vorne bitten. Iris Berben ist nicht nur eine herausragende Darstellerin, sie ist auch politisch aktiv, sie zeigt Haltung, davon können wir in diesen Zeiten nicht genug bekommen. Sie ist schon das zweite Mal hier in unserer Reihe Geschichtskino zu Gast und das ist kein Zufall: Iris Berben wählt solche Filme mit historischen und politischen Geschichten ganz bewusst aus. Warum, das kann sie uns gleich selbst erklären. Herzlich willkommen, Iris Berben!