Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

DokumenttypRede | Datum11. April 2016 | Person Heiko MaasVorführung des Films „ELSER – Er hätte die Welt verändert“

Rede des Bundesministers der Justiz und für Verbraucherschutz, Heiko Maas, bei der Vorführung des Films „ELSER – Er hätte die Welt verändert“ in der Reihe GeschichtsKino am 11. April 2016 im BMJV

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT!

Meine Damen und Herren,
liebe Gäste,

herzlich Willkommen bei uns im Ministerium! Ich freue mich, dass wieder so viele unserer Einladung gefolgt sind!

Im vergangenen Jahr haben wir die Reihe „GeschichtsKino“ gestartet, und zwar aus einem doppelten Grund gestartet: Der Blick auf die Geschichte hilft uns, zu erkennen, welche Werte uns heute bei unserer Arbeit leiten sollen. Die negative Seite, die Erinnerung an vergangenes Unrecht, schärft die Sinne für Gerechtigkeit und Menschenwürde. Sie erinnert uns an rote Linien, die wir niemals überschreiten dürfen und sie mahnt uns, rechtzeitig einzuschreiten, wenn diese Werte attackiert werden. Und die positive Erinnerung an die Menschen, die sich früher und mutiger als andere für die Gerechtigkeit eingesetzt haben, kann Vorbilder für die Gegenwart schaffen. Für eine Gegenwart, in der es doch sehr viel leichter ist, gegen Unrecht und Hass seine Stimme zu erheben, als das in der Vergangenheit oft der Fall war.

Der Blick zurück soll also immer auch ein Blick nach vorn sein. Aber wir machen das nicht so, wie Juristen das üblicherweise tun, wenn sie sich mit Recht und Werten befassen – wir machen das nicht mit juristischen Texten, Büchern und Paragraphen. Stattdessen wollen wir dieses Ministerium öffnen für Menschen, die „von außen“ auf Recht und Werte blicken. Mit dem GeschichtsKINO öffnen wir unser Haus für Autoren, Filmemacher, Künstler und Schauspieler.

Wir haben unsere Reihe gestartet mit einem Film über die Nürnberger Prozesse, mit dem Film „Das Zeugenhaus“. Demnächst wollen wir mit zwei Filmen über Fritz Bauer und Elisabeth Selbert an zwei Lichtgestalten der jüngeren Rechtsgeschichte erinnern. Heute gehen wir noch etwas weiter zurück und lassen das Kino auf ein dunkles Stück Geschichte blicken. Bei Georg Elser geht es um größtes Unrecht und den Mut eines Einzelnen, dagegen vorzugehen.

„Was wäre gewesen, wenn?“ Bei Historikern ist diese Frage zutiefst verpönt; die Wissenschaftler halten sich streng an die Fakten und nicht ans Hypothetische. Bei Filmemachern ist das anders, und bei „Elser“ geben sie die Antwort auf die Was-wäre-wenn-Frage schon im Titel: „Er hätte die Welt verändert“. Keine Frage: Bei einem Regime, das so sehr auf eine einzelne Person zugeschnitten war wie der NS-Staat, hätte der Tot Hitlers gewiss zu einem anderen Verlauf der Geschichte geführt. „Ich wollte durch meine Tat ein noch größeres Blutvergießen verhindern“, hat Elser in den Verhören bei der Gestapo gesagt. Wäre seine Tat geglückt, hätte Elser wohl tatsächlich Millionen Menschen das Leben gerettet.

Trotzdem ist Georg Elser die gerechte Anerkennung nach 1945 länger verweigert worden als anderen. Noch vor wenigen Jahren verstieg sich ein Wissenschaftler zu der Behauptung, einem einfachen Schreiner wie Elser hätte die „politische Beurteilungskompetenz“ gefehlt, Hitler zu töten. Was für ein Unsinn! Umgekehrt wird doch ein Schuh daraus: Ein einfacher Mann aus dem Volk hatte klar erkannt, was Adel und Offiziere, Unternehmer und Kirchenmänner nicht sahen oder nicht sehen wollten. Von den Juristen ganz zu schweigen. Elser hat das getan, wozu die gesellschaftlichen Eliten jahrelang unfähig und unwillig waren. Georg Elser und seine Tat waren deshalb eine Erinnerung an das Versagen der Eliten und der Beleg dafür, dass auch der sprichwörtliche „kleine Mann“ mehr wissen und mehr tun konnte, als Millionen Mitläufer nach `45 behauptet haben.

Die Botschaft, die von diesem Film ausgeht, ist für mich klar: Wenn es um größtes Unrecht geht, dann kann jeder etwas tun. Natürlich ist nicht jeder zum Helden geboren. Aber nicht wegsehen oder -hören (Im Film gibt es ein eindrucksvolles Beispiel für das Weghören!), nicht mitmachen, sich nicht anpassen, gegen den Strom schwimmen, wenn es geht, seine Stimme erheben und Eintreten für Menschenwürde und Gerechtigkeit – all das hätte man sich vor 70 Jahren viel häufiger gewünscht. Damals hätte es mehr Menschen vom Schlag Georg Elsers gebraucht.

Heute würde es schon reichen, wenn wir alle nur ein Minimum von der Klarsicht, dem Mut und der Courage Georg Elsers hätten. Es ist ja einfach, sich heute Filme über die Nazi-Zeit anzuschauen, und sich dann darüber zu empören, wie viele damals mitgemacht oder geschwiegen haben. Aber wenn es darum geht, dass die Erinnerung auch zu Konsequenzen in der Gegenwart führen soll, dann muss man sagen: Wer nicht einmal heute seine Stimme erhebt, wenn Hass und Hetze gegen Ausländer, Homosexuelle oder Juden verbreitet werden, der hätte wohl auch damals kaum zu den Mutigen gehört. Darin sehe ich die Botschaft dieses Filmes: Wenn es um Gerechtigkeit und die Würde seiner Mitmenschen geht, kann jeder einzelne etwas beitragen. Daran erinnert Georg Elser, daran erinnert dieser Film und deshalb ist er für mich so aktuell und wichtig!