Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

DokumenttypRede | Datum29. Januar 2014Vortrag Dr. Ronen Steinke: „Fritz Bauer oder Ausschwitz vor Gericht“

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT!

Sehr geehrter Herr Minister,
sehr geehrte Damen und Herren,

um an den großen Frankfurter Auschwitz-Prozess zu erinnern, dessen Beginn sich vor wenigen Tagen zum fünfzigsten Mal gejährt hat, möchte ich eine Geschichte erzählen nicht aus der Perspektive eines Experten, eines Juristen. Sondern eine Geschichte, wie sie ein junger Schriftsteller damals erlebt hat, ein Mann namens Horst Krüger.

Krüger ist mit offenem Schiebedach hergefahren, es ist eng gewesen auf den Straßen, es wurde gehupt. Frankfurt am Main, das kommerzielle Zentrum der Bundesrepublik, wächst seit 1960 rasant in die Höhe, ein wenig hektisch und ordinär, wie Krüger findet, „eine Mischung aus Alt-Sachsenhausen und Klein-Chicago“. Es ist ein hellblauer und silbrig strahlender Tag, an dem im Frankfurter Rathaus über die Hölle von Auschwitz verhandelt wird. Donnerstag, der 27. Februar 1964. Als Krüger in den 80 Meter langen, mit billigem Holz vertäfelten Plenarsaal tritt, den die Stadträte vorübergehend freigeräumt haben, sitzen die Männer in ihren gleichförmigen Anzügen, Brillen und Haarschnitten bereits seit 20 Verhandlungstagen zusammen. Und dann ist es wie im Kino, wenn der Film schon zu laufen begonnen hat und man im Dunkeln über die Reihen hereinstolpert: schwierig, in die laufende Handlung hineinzufinden. Schon bald ordnet der Vorsitzende Richter eine zehnminütige Pause an, und etwa 120 Leute strömen aus dem Saal. Die Herren zünden sich Zigaretten an, man steht in Grüppchen beisammen, Krüger fühlt sich an eine Theaterpause erinnert. Man diskutiert die Eindrücke, holt die Jacken von der Garderobe ab oder legt der Garderobenfrau ein paar Münzen hin und bekommt eine Cola. Endlich fragt Krüger einen Freund: Wo denn nun eigentlich die Angeklagten seien? Worauf der Freund ironisch lächelt und sagt: Die Angeklagten – sind mitten unter uns.

14 von ihnen sind auf Kaution auf freiem Fuß, sie bewegen sich nicht abgesondert, von Soldaten bewacht wie im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher oder in einen Glaskasten gesperrt wie der Holocaust-Organisator Adolf Eichmann in Jerusalem. Sondern ganz ohne aufzufallen. Ein paar von ihnen genießen die Pause in einer großen, ledernen Sitzgruppe an einer Wand im Foyer, trinken Cola und Sinalco, rauchen Zigaretten, sehen dick und gemütlich aus, sie tragen dieselben Anzüge und modernen Nylonhemden – die neueste Errungenschaft der Textilbranche – wie die Juristen und Journalisten. Auch im Saal sitzen die Angeklagten nicht herausgehoben. Auf der kleinen Anklagebank vor dem Richter ist nur jeweils Platz für den einen, der gerade am meisten im Fokus steht. Die übrigen belegen die vorderen Ränge im Zuschauerraum, und mancher nichts ahnende Besucher hat schon einen von hinten angetippt und freundlich flüsternd nach dem rätselhaften juristischen Geschehen da vorne gefragt.

Natürlich sind das Details. Natürlich macht es für die große juristische Auseinandersetzung, die von Dezember 1963 bis August 1965 in Frankfurt ausgetragen wird und die erstmals – vor den Augen der zahlreich geladenen Weltpresse – das System der fabrikmäßigen Ermordung von Menschen in seinem ganzen Umfang aufklärt, keinen Unterschied, an welcher Stelle im Saal die Angeklagten sitzen oder dass sie für eine Cola anstehen wie alle anderen. Allenfalls ist der souverän-geschäftsmäßige Umgang mit ihnen sogar eine Stärke des Gerichts, seiner Autorität zuträglich. Aber die kleine Verwirrung, die so entstehen kann, ist keine Nebensache. Man könnte sagen, dass sie sogar geradewegs zum Kern der Sache führt: Der Auschwitz-Prozess führt die Deutschen nicht an einen fernen Ort irgendwo im unbekannten Osten, sondern er legt schlicht mitten unter ihnen, mitten in der Boomzeit der 1960er-Jahre, einmal kurz die Lupe an. „Gespenstisch“ nennt das ein anderer Schriftsteller, Robert Neumann, nachdem er einen Vormittag im Frankfurter Zuschauerraum verbracht hat: „So wie die alle nicht auf ihren Plätzen sitzen, sind sie nicht mehr zu unterscheiden. Jeder Anwalt ein potenzieller Angeklagter. (. . .) Jeder Angeklagte dein Briefträger, Bankbeamter, Nachbar.“ Apotheker, Ingenieur, Kaufmann, Hausmeister, Buchhalter, Bankkassierer – das sind die Berufe, in welche die Täter von Auschwitz tatsächlich zurückgekehrt sind, die nun vor dem Schwurgericht stehen. Oswald Kaduk, „einer der grausamsten, brutalsten und ordinärsten SS-Männer im KL-Auschwitz“, wie es im Urteil heißen wird, arbeitet in Berlin als Krankenpfleger; die Patienten nennen ihn „Papa Kaduk“, weil er sich so aufopfernd um sie kümmert. Ein anderer, Robert Mulka, wirkt mit schlohweißem Haar, gerötetem Gesicht und dem makellosen dunkelblauen Anzug wie ein Herr auf einer Aufsichtsratssitzung, meint ein Beobachter. In Auschwitz war er die rechte Hand des Lagerkommandanten, verantwortlich für den Ausbau der Vernichtungskapazitäten; nun fährt er zwischen Verhandlungstagen nach Hamburg, um in seinem gut gehenden Geschäft nach dem Rechten zu sehen.

Das macht die enorme Wucht dieses Prozesses aus. Zwar geht es, wie immer in Strafprozessen, vordergründig um Vergangenes – 700 Seiten umfasst allein die nüchterne Auflistung aller Gräueltaten in der Anklageschrift, zwanzig Monate lang wird in Frankfurt gegen zunächst 22, später 20 Angeklagte verhandelt, es wird der größte Prozess in der Geschichte der deutschen Strafjustiz. Aber vor allem geht es in Frankfurt um die Gegenwart, in der jeder Krankenpfleger, Hausmeister und Bankkassierer in Deutschland eine Geschichte hat.

Der Mann, der die Deutschen auf diese Weise mit Auschwitz konfrontierte, hat sich dabei gegen große Widerstände durchsetzen müssen. Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer war als Jude und Sozialdemokrat selbst vor den Nationalsozialisten geflüchtet. Nach dem Krieg war er ausgerechnet in den Zweig des Staatsdienstes zurückgekehrt, der am stärksten von braunen Seilschaften durchsetzt war, in die Justiz. Und hier musste er oft erleben, wie NS-Verdächtige vor ihrer Verhaftung gewarnt wurden. Bei der Polizei gab es zahllose undichte Stellen. Die Fernschreiberleitungen dort, bei denen eine Meldung viele Augenpaare passieren musste, waren für Bauers kleines Team von Ermittlern tabu. Stattdessen gingen sie, um vertrauliche Mitteilungen abzusetzen, auf den Großmarkt und nutzen die Fernschreiber der Gemüsehändler dort. Heimliche Warnungen bekamen abgetauchte NS-Verbrecher in den 1950er und 1960er Jahren systematisch zugespielt, sogar über eine eigene Postille, den „Warndienst West“, den die Hamburger Dienststelle des Deutschen Roten Kreuzes – unter der Leitung eines ehemaligen SS Obersturmbannführers – an Traditionsverbände der Wehrmacht und SS in verschiedenen Ländern verschickte. Die Quelle dafür saß direkt im Bonner Regierungsviertel, es war die 1950 gegründete Zentrale Rechtsschutzstelle für NS-Verdächtige, die bis 1953 im Justiz-, danach im Außenministerium angesiedelt war und von einem ehemaligen Staatsanwalt am NS-Sondergericht Breslau geleitet wurde. Als Fritz Bauers Team einmal dem aktivsten Mann des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms auf der Spur war, Reinhold Vorberg, und bei einem Bonner Gericht die Erlaubnis zu diskreten Ermittlungen beantragte, da gab sogar der Richter selbst die sensible Information an einen örtlichen Rechtsanwalt heraus – und Vorberg konnte nach Spanien fliehen. Es war dann Fritz Bauer, der dem israelischen Geheimdienst heimlich den Tipp gab, wo Adolf Eichmann in Argentinien zu finden sei. Bauer hatte diese Information von einem NS-Überlebenden bekommen. Doch das Risiko, diese Spur selbst zu verfolgen, erschien ihm zu groß. Es war ein Alleingang Bauers, mit dem er zweifellos sein Amt aufs Spiel setzte. Das Geheimnis nahm er mit ins Grab. Nachts klingelt in seiner Wohnung oft das Telefon: „Judenschwein verrecke!“, bellten Unbekannte in den Hörer. Von Frühjahr 1964 an mussten die Räume, in denen der Auschwitz-Prozess stattfand, vor jedem Prozesstag nach Sprengstoff abgesucht werden, Bauers Büro erhielt eine Bombendrohung. Die Drohbriefe, die sich bei ihm häuften, füllten Aktenmappen.

Wer war der Mann, der sich all dies antat, nur um in Deutschland ein wenig Wahrheit ans Licht zu lassen? Als einmal gegen Ende der 1950er Jahre einige Verleger, Ministerialbeamte und Journalisten zusammensaßen, um auf Einladung des hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn über einen Entwurf für ein modernes hessisches Pressegesetz zu beraten, da kamen die radikalsten Vorschläge im Sinne einer kompromisslos verwirklichten Pressefreiheit von einem dauerrauchenden Mann mit leicht ungeordnetem Haar. Woraufhin ein ahnungsloser Journalist irgendwann fragte: „Verzeihung, von welcher Zeitung kommen Sie?“ Der Journalist war übrigens der langjährige Redakteur der Süddeutschen Zeitung Ernst Müller-Meiningen Jr., der später zu einem großen Bewunderer und Verteidiger Bauers wurde. Das war Fritz Bauer, und das war die Rolle seines Lebens: der Ankläger, der nicht aus Härte oder Vergeltungsdrang streitet. Sondern aus verzweifelter Liberalität. Fritz Bauer hat sein Land etwas aufgehellt in einer Zeit, in der es noch immer sehr düster war. So viele Menschen, von denen sich dies sagen ließe, gab es in der Nachkriegszeit nicht. So viele Beispiele für Zivilcourage hat die Juristenschaft nicht. Auch daran erinnert dieser Jahrestag.

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