Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

DokumenttypPressemitteilung | Datum30. März 2017Symposium zur Gesundheitskompetenz in Deutschland: „Angebote müssen stärker auf die Menschen abgestimmt sein.“

Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) legt die erste repräsentative Studie zur Gesundheitskompetenz in Deutschland und eine Material- und Methodensammlung für die Verbraucher- und Patientenberatung vor.

Das Wissen, die Motivation und die Kompetenz von Menschen, relevante Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden ist die essentielle Voraussetzung für Gesundung und Gesundbleiben.

Das BMJV hat daher die erste repräsentative Untersuchung zur Gesundheitskompetenz in Deutschland (German Health Literacy Survey (HLS-GER)), erstellt durch die Universität Bielefeld, in Auftrag gegeben. Eines der Ergebnisse, die heute im Rahmen eines Symposiums vorgestellt wurden, lautet: Mehr als die Hälfte der in Deutschland lebenden Menschen verfügt nur über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz.

„Die Ergebnisse der Studie zeigen es deutlich: die niedrige Gesundheitskompetenz in Deutschland ist ein gesellschaftliches Problem. Insbesondere ältere Menschen, Menschen mit wenig Einkommen oder mit einem niedrigen Bildungsniveau haben es schwerer, Informationen, z.B. über eine passende Behandlung, zu verstehen und für die eigene Gesundheit umzusetzen. Hier ist dringend Handlungsbedarf geboten. Wir müssen alles tun, um geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen und auf eine Verbesserung hinzuwirken. Es ist aber auch Aufgabe der Gesundheitswirtschaft sowie der Verbraucher- und Patientenberatungen, ihr Angebot noch stärker auf die Menschen abzustimmen, die auf aktivierende Unterstützung angewiesen sind. Das Internet kann dabei helfen, aber: Neuere Untersuchungen zeigen, dass insbesondere therapiebezogene Internetdienste und Apps das Therapieverhalten und die Meinung der Patienten über ihre Erkrankung prägen. Umso wichtiger ist es, die Qualität medizinischer Informationen insgesamt sicher zu stellen und auf ihre Güte hin zu überprüfen. Mit der Studie und der Material- und Methodensammlung haben wir den ersten Schritt auf dem Weg hin zu einer Verbesserung der Gesundheitskompetenz aller Bürgerinnen und Bürger gemacht.“
Gerd Billen, Staatssekretär im BMJV

Lutz Stroppe, Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit:

"Das Ergebnis der Studie zeigt uns erneut: Wir brauchen unabhängige, wissenschaftlich belegte und leicht verständliche Gesundheitsinformationen. Daher hat das BMG das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen damit beauftragt, ein Konzept für ein Nationales Gesundheitsportal zu erarbeiten. Auch das Arzt-Patienten-Gespräch ist entscheidend, um Patienten Gesundheitswissen verständlich zu vermitteln. Wir brauchen jetzt eine gemeinsame Kraftanstrengung von Ärzten, Krankenkassen, Apotheken, Pflege-, Verbraucher- und Selbsthilfeverbänden und Behörden, um die Gesundheitsbildung in ganz Deutschland zu verbessern. Deshalb rufen wir eine Allianz für Gesundheitskompetenz ins Leben.“

Hintergrundinformationen:

Im Rahmen der Untersuchung wurden Daten zur Gesundheitskompetenz der deutschen Bevölkerung sowie zu damit zusammenhängenden soziodemografischen Faktoren erhoben. Dazu gehören das Alter der Befragten, Bildungsstatus, selbsteingeschätzter Sozialstatus, Migrationshintergrund und das Vorliegen einer chronischen Erkrankung.
Für die Studie fand eine repräsentative Befragung von 2.000 Bürgerinnen und Bürger zu deren Gesundheitskompetenz statt. Kern der zugrunde liegenden Befragung bildete das umfassende Gesundheitskompetenz Konzeptverständnis, das bereits der europäischen Erhebung zugrunde lag. Hierbei stehen vier Kompetenzen im Mittelpunkt: Gesundheitsinformationen finden und erschließen, Gesundheitsinformationen verstehen, Gesundheitsinformationen beurteilen und Gesundheitsinformation kommunizieren und für die eigene Gesundheit nutzen und anwenden zu können.

Ergebnisse der Untersuchung:

Von den insgesamt 2.000 Befragten verfügen 7,3 Prozent über eine exzellente Gesundheits-kompetenz. 38,4 Prozent der Befragten weisen eine ausreichende Gesundheitskompetenz auf. Insgesamt verfügen 54,3 Prozent – also mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung – über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz. Von der Gesamtheit der Bürgerinnen und Bürger mit eingeschränkter Gesundheitskompetenz haben 44,6 Prozent eine problematische und weitere 9,7 Prozent eine inadäquate Gesundheitskompetenz, d.h. sie haben erhebliche Schwierigkeiten, Gesundheitsinformationen zu finden, verstehen, beurteilen und nutzen.

Damit fällt der Anteil der Personen mit einem eingeschränkten Gesundheitskompetenz-Niveau in Deutschland größer aus als im europäischen Vergleich. Auch verfügen in Deutschland weniger Menschen über ein gut ausgeprägtes Gesundheitskompetenz-Niveau als in anderen europäischen Staaten. Mit 7,3 Prozent liegt der Anteil an exzellenter Gesundheits-kompetenz deutlich unter dem europäischen Gesamtdurchschnitt (16,5 Prozent).

Konsequenzen aus der Studie:

Unter Berücksichtigung dieser Befundlage sollten die Angebote zur Information, Beratung und Aufklärung von Patientinnen und Patienten neu zugeschnitten werden, um die Adressaten mit ihrem Wissensstand, ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten besser ansprechen und erreichen zu können. Damit rücken auch Anbieter von Gesundheitsinformationen in den Blick. Zur praktischen Umsetzung stellt die auf der Grundlage der Untersuchung von der Universität Bielefeld entwickelte Material- und Methodensammlung eine praktische Arbeitshilfe dar http://www.bmjv.de/SharedDocs/Artikel/DE/2017/01252017_Gesundheitskompetenz.html.