Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

DokumenttypInterview | Datum1. Oktober 2016 | Person Heiko Maas„Es gibt Krisen, die steht man nur mit Disziplin durch“

Wie Justizminister Heiko Maas den inneren Schweinehund austrickst.

Interviewpartner/in: Heiko Maas
Autor/in: Dirk von Nayhauß
Medium: chrismon.de
Ausgabe: Oktober 2016 vom 1. Oktober 2016

chrismon: Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Heiko Maas: Ehrlichkeit. Und sich von Gefühlen leiten zu lassen, sich nicht zu oft zu verstellen. Ich wünsche mir sehr, mir diese Fähigkeit zu erhalten. Für einen Politiker ist das nicht immer einfach. Ich erlebe es übrigens immer wieder, dass mir die wichtigsten Fragen sehr offen von Kindern gestellt werden. Schon durch das Nachdenken über diese Fragen können wir viel lernen. Mindestens genauso viel wie die Kinder durch unsere Antworten.

chrismon: Welche Liebe macht Sie glücklich?

Heiko Maas: Die Liebe zu meinen Kindern, das bedingungslose Vertrauen, das mir meine Kinder entgegenbringen – mehr geht nicht. Dem möchte ich gerne gerecht werden. Das ist in einem Beruf wie meinem nicht immer einfach. Da hilft nur eine klare Prioritätensetzung. Kinder ziehen irgendwann Gesamtbilanz, und es wäre mein größtes Glück, wenn die positiv ausfällt.

chrismon: Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Heiko Maas: Ich stelle mir eine Ordnung vor. Wir kommen nicht aus dem Nichts, es muss etwas geben, wo alles herkommt und wo alles hinführt. Es gibt vieles, was wir nicht verstehen, was manchmal einfach nur schmerzhaft ist. Die Gewalt und all das, was sich Menschen antun – das werden wir uns wahrscheinlich nie vollkommen erklären können. Doch ich habe die Hoffnung, dass ­es etwas gibt, das aus diesem Unerklärlichen einen Sinn macht. Und das auch meiner eigenen Existenz fernab aller weltlichen Kriterien einen Sinn gibt. Gehadert mit Gott habe ich oft, grundsätzlich gezweifelt noch nie. Gehadert in Fällen großer Katas­trophen und großer menschlicher Brutalität, manchmal aber auch bei kleinen Ungerechtigkeiten des Lebens. Ich bin klassisch katholisch aufgewachsen, mit vielen Jahren als Messdiener und in der katholischen Jugend. Das, was ich heute als Solidarität im politischen Leben vertrete, hat viel mit dem zu tun, was ich als Nächstenliebe dort kennengelernt habe.

chrismon: Welchen Traum möchten Sie sich noch unbedingt erfüllen?

Heiko Maas: In die Gischt an den Niagarafällen würde ich mich gern stellen. Ich weiß nicht wieso, das wollte ich schon als Kind.

chrismon: Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Heiko Maas: Vieles mache ich erst einmal mit mir selber aus. Erst danach lasse ich mir helfen und versuche, Probleme mit anderen zusammen zu bewältigen. Wenn etwas schiefgelaufen ist, dann schaue ich zunächst, ob noch etwas zu retten ist. Dann sorge ich zumindest dafür, dass es möglichst nicht wieder passiert. Und: Ich versuche die Fähigkeit, mir selbst Fehler einzugestehen, in dem eitlen ­Politikgeschäft nicht zu verlieren.

chrismon: Werden Sie ohne Reue sterben können?

Heiko Maas: Wäre es heute so weit, könnte ich Ihnen viel erzählen, was ich ­bereue. Aber wenn es den Menschen gibt, der völlig ohne Reue geht, dann würde ich ihn gern kennenlernen. Mir ist es wichtig, für das, was ich bereue, Verantwortung zu übernehmen. Das ist für mich die Art und Weise, mit den Fehlern meines Lebens, die ich nicht wiedergutmachen kann, umzugehen. Sie zu beichten, ist das eine, aber nach innen wie nach außen Verantwortung zu übernehmen, ist für die Entwicklung als Mensch viel entscheidender.

chrismon: Wie wäre ein Leben ohne Disziplin?

Heiko Maas: Für mich nur schwer vorstellbar. In den ganz schweren Momenten braucht man auch Disziplin, sonst steht man solche Krisen nicht durch. Das ist wie beim Triathlon. Wenn es anfängt, wehzutun, darf man auch nicht gleich aufgeben. Besiegt man da den eigenen Schweinehund, ist man später umso glücklicher. Natürlich gibt mir diese Erkenntnis auch in der Politik eine größere Gelassenheit. Wenn man gezielt in Wahlkämpfen herabgewürdigt wird oder nach politischen Niederlagen – da gilt es, Ruhe und Haltung zu bewahren. Das ist wie beim Triathlon, entweder man ergibt sich dem Schmerz oder man lernt aus der Krise, macht weiter und bereitet sich auf den nächsten Wettkampf vor. Was ich auch daraus lerne ist: nicht über jedes Stöckchen zu springen, das einem hingehalten wird. Insgesamt würde es dem politisch-medialen Komplex sicher helfen, bestimmte Debatten etwas weniger aufgeregt zu führen.

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