Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

DokumenttypNamensartikel | Datum2. November 2016 | Person Ulrich KelberDatensparsamkeit 4.0

Wer den Schutz privater Daten für mögliche Geschäftsmodelle opfern will, handelt fahrlässig, warnt Ulrich Kelber.

Medium: Handelsblatt
Ausgabe: 212 vom 2. November 2016

Der Siegeszug des Smartphones steht beispielhaft für die Digitalisierung unseres Lebens und die Geschwindigkeit, mit der sie sich vollzieht. Doch unserem digitalen Begleiter fehlen entscheidende Eigenschaften eines treuen Freundes: Verschwiegenheit und Loyalität. Was wir im Netz suchen, wen wir kontaktieren, wo wir uns gerade befinden oder was wir kaufen - das Smartphone erstellt ein fast lückenloses Abbild unseres Lebens. Und gibt all diese Informationen an Dritte weiter!

Somit steht das Smartphone auch für die Schattenseite der Digitalisierung: den schleichenden Verlust der Privatheit. Wer "gläsern" ist, lässt sich kontrollieren, manipulieren oder auch diskriminieren. Das Bundesverfassungsgericht hat diese Zusammenhänge bereits vor 33 Jahren im Volkszählungsurteil klar benannt. Der daraus entwickelte Grundsatz der Datensparsamkeit findet sich auch in der gerade erst beschlossenen Europäischen Datenschutzgrundverordnung wieder: nur die Daten erheben, die für einen Dienst benötigt werden und diese Daten nicht ungefragt mit Dritten teilen.

Leider wird von interessierter Seite eine völlig andere Diskussion geführt. Kernthese der Gegner der Datensparsamkeit ist, dass Deutschland den Anschluss an die Big-Data-Ökonomie und damit seine wirtschaftliche Zukunft verliere. Es wird für "Datenreichtum" geworben, Datensparsamkeit lächerlich gemacht. Daten als "Öl" des 21. Jahrhunderts zu bezeichnen ist zum Allgemeinplatz geworden. Dabei geht es nicht um ein Schmiermittel für Geschäftsprozesse, sondern um grundlegende Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und um unsere Freiheit in der digitalisierten Gesellschaft.

Der Gegensatz zwischen Big Data und Datensparsamkeit ist dabei nicht so groß, wie dies Lobbyisten behaupten. Nur wer unbegrenzt werben, ausforschen und steuern möchte, muss wissen, welche Person sich hinter einem Datum verbirgt. Alle übrigen Analysen funktionieren sehr wohl erfolgreich mit anonymisierten Daten. Wir sollten die anstehende Harmonisierung des europäischen Datenschutzes nun dafür nutzen, Konzepte zu entwickeln, wie Big Data inklusive Datensparsamkeit aussehen und funktionieren kann, "Datensparsamkeit 4.0" sozusagen.

Wer den Schutz der Privatheit für mögliche Geschäftsmodelle opfern will, handelt fahrlässig. Und er hat übrigens sein Vorbild Silicon Valley nicht richtig verstanden. Dort sind Firmen auf dem Weg, den nachhaltigen Umgang mit den Daten ihrer Kunden zum Wettbewerbsvorteil zu machen. Diesen Vorteil hat Deutschland schon - dank des Grundsatzes der Datensparsamkeit. Ihn aufzugeben wäre also auch wirtschaftlich Unsinn.

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