Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

DokumenttypInterview | Datum1. April 2015 | Person Heiko MaasJustizminister gegen Stehplatz-Verbot

Maas kündigt ein Gesetz gegen Spielmanipulation an und verteidigt das neue Anti-Doping-Gesetz, das betrügerischen Sportlern mit Gefängnis droht.

Interviewpartner/in: Heiko Maas
Autor/in: Berries Boßmann
Medium: Sport Bild
Ausgabe: 14, Seite 62 bis 63 vom 1. April 2015

Sport Bild: Herr Minister Maas, Ultras-Ausschreitungen in der Bundesliga nehmen zu. Ist ein gesetzliches Stehplatzverbot wie in England vorstellbar?

Heiko Maas: Bedauerlicherweise gibt es auch Ausschreitungen bei Spielen in Stadien, in denen es nur Sitzplätze gibt. Da fliegt dann Mobiliar durch die Gegend – und auch nicht nur im Fußball-Stadion, wenn Sie sich die Szenen beim Basketball-Spiel Alba Berlin gegen Galatasaray Istanbul in Erinnerung rufen. Gewalt im Stadion können wir nicht nur mit dem Strafgesetzbuch bekämpfen, sondern brauchen dazu auch die breite Allianz von Vereinen und den Millionen Fans, deren Herzblut an ihrem Club hängt und die Randale klar ablehnen.

Sport Bild: Auch der Kampf gegen die Wettmafia beschäftigt den Fußball. DFB-Schatzmeister Grindel kritisiert, dass zwar ein Anti-Doping-Gesetz kommt, das Geld- und Haftstrafen bis zu drei Jahren vorsieht, aber kein Gesetz gegen Sportbetrug, das auch bei Spielmanipulation greift.

Heiko Maas: Ich bin mir mit Innenminister Thomas De Maiziere vollkommen einig: Wir werden auch etwas gegen Spielmanipulation unternehmen, so wie es im Koalitionsvertrag vereinbart ist - und zwar noch in diesem Jahr. Aber es gibt keine zeitliche Verknüpfung der beiden Gesetze.

Sport Bild: Zuletzt sorgte ein Bericht über Doping in der Bundesliega in den Achtzigerjahren für Schlagzeilen, auch Freiburg und Stuttgart sollen verwickelt sein. Kaum hat das Bundeskabinett in der vorigen Woche das Anti-Doping-Gesetz abgesegnet, das noch durch den Bundestag muss, erklärte DOSB-Präsident Hörmann, bei einer Anhörung erneut seine Kritikpunkte vortragen zu wollen. Sendet der DOSB durch seine skeptische Haltung das falsche Signal aus: Es wird nicht mit aller Konsequenz gegen Doping gekämpft?

Heiko Maas: Das kann man weder Herrn Hörmann noch dem DOSB vorwerfen. Der DOSB war immer sehr engagiert im Kampf gegen das Doping. In Zukunft wird der Staat den organisierten Sport in diesem Kampf noch aktiver unterstützen. Bisher konnten nur Hintermänner, die mit nicht geringen Mengen an Dopingmitteln erwischt wurden, nach dem Arzneimittelgesetz verfolgt werden. Mit dem Anti-Doping-Gesetz müssen auch dopende Spitzensportler mit strafrechtlichen Ermittlungen und schlimmstenfalls mit Haftstrafen rechnen.

Sport Bild: Der DOSB fürchtet, dass durch das Gesetz seine Sportgerichtsbarkeit ausgehebelt wird.

Heiko Maas: Diese Sorge ist absolut unbegründet. Im Gegenteil: Erstmalig werden durch das Anti-Doping-Gesetz die Sportgerichtsbarkeit und die Legitimität von Schiedsvereinbarungen der Athleten mit den Verbänden anerkannt. Das wird die Sportgerichtsbarkeit stärken. Und das Gesetz wird eine Abschreckungswirkung haben, die weit über Wettkampfsperren hinausgeht. Die meisten Athleten verdienen keine Millionen, sie haben auch ein Arbeitsleben nach der Sportkarriere. Für die ist es sicher wichtig, in den neuen Lebensabschnitt ohne eine Vorstrafe zu gehen, die man dann dauerhaft mit sich rumschleppt.

Sport Bild: Der DOSB fürchtet auch hohe Schadensersatzklagen, wenn ein gesperrter Sportler vor einem ordentlichen Gericht frei gesprochen wird.

Heiko Maas: Dazu wird es nicht kommen, weil es unterschiedliche Verfahrens- und Beweislastregeln gibt: Bei der Sportgerichtsbarkeit muss der Sportler seine Unschuld beweisen, vor dem Strafgericht muss der Staatsanwalt das Vorliegen einer Straftat nachweisen. Wenn das eine Verfahren so und das andere so ausgeht, wird das nicht die Grundlage für Schadensersatzansprüche sein können.

Sport Bild: Die einen kritisieren, dass Anti-Doping-Gesetz sei zu weich, etwa weil es keine Kronzeugenregelung enthalte.

Heiko Maas: Es gibt eine allgemeine Kronzeugenregelung, die in bestimmten Fällen auch im Dopingbereich anwendbar ist. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, dass Dopingsünder, die im Laufe des Verfahrens umfassend aussagen, milder bestraft werden als solche, die schweigen.

Sport Bild: Andere halten es für zu hart, eine Dreifachbestrafung vor dem Straf-, Zivil- und Sportgericht sei unverhältnismäßig.

Heiko Maas: Dass ein Dopingsünder gesperrt wird und Sponsorenverträge verliert, halte ich für Selbstverständlichkeiten. Leistungssportler profitieren auch von der öffentlichen Förderung durch Steuermittel. Wenn sie betrügen und die Integrität des Sports maßgeblich beschädigen, muss sich der Staat dieses Themas annehmen. Diese Schutzlücke wird jetzt geschlossen.

Sport Bild: Kritisiert wird auch, dass das Gesetz nur für rund 7000 Athleten im Nada-Testpool und ausländische Sportler gilt, nicht aber für die vielen Freizeitsportler, etwa Bodybuilder, die dopen und ihre Gesundheit gefährden.

Heiko Maas: Dopende Breitensportler sind eher ein Fall für den Psychiater. Ziel des Gesetzes ist der Schutz der Integrität des Sports. Die Auswirkungen beim Doping sind im Spitzensport viel größer als im Breitensport. Der Spitzensport hat hier eine Vorbildfunktion und wird staatlich gefördert. Und wir dürfen nicht vergessen: Das Strafrecht ist unser schärfstes Schwert. Wir sollten es nicht bei jedem unerwünschten Verhalten zücken.

Sport Bild: Ende 2014 haben Sie die drei Radprofis Martin, Kittel und Degenkolb zum Gespräch eingeladen. Glauben Sie ihnen, dass der deutsche Radsport sauber ist?

Heiko Maas: Ich habe zumindest bei diesen dreien den Eindruck sehr deutlich gewonnen, auch weil das eine ganz andere Fahrer-Generation ist. Alle drei haben gesagt, dass sie ein Anti-Doping-Gesetz und eine Strafverfolgung von Dopern mehr als begrüßen. Insbesondere wegen der damit verbundenen Abschreckungswirkung.

Sport Bild: Wäre der ehemalige Tour-Sieger Jan Ullrich, der nie eine positive Dopingprobe abgegeben hat, heute ein verurteilter Dopingsünder, wenn es das Anti-Doping-Gesetz schon gegeben hätte?

Heiko Maas: Hätte es dieses Gesetz damals schon gegeben, hätte man auch deutlich mehr Ermittlungsmöglichkeiten gehabt. Insofern kann es durchaus sein, dass der Fall Ullrich anders verlaufen wäre.