Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

Headline 360grad - Das Debatten- und Meinungsforum Datenschutz und Transparenz im Smart Home

Das Smart Home bietet uns viel Komfort in den eigenen vier Wänden. Doch was geschieht mit all den Daten, die unser intelligentes Zuhause über uns sammelt? Über Vorteile und Risiken sprach Heiko Maas am 20. Juli mit seinen Gästen bei der Veranstaltungsreihe 360grad im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz.

Internet der Dinge – Datenschutz und Transparenz im Smart Home Mitdenkende Kühlschränke, intelligente Kaffeemaschinen, sekündlich abgeschickte Datenpakete - Was bringt mir die Vernetzung wirklich? Und ist sie das Risiko für den Schutz meiner Daten wert? Was spricht für und was gegen ein Smart Home? Foto: photothek/ Thomas Köhler

Ein Kühlschrank, der das Einkaufen übernimmt oder die Kaffeemaschine, die neben Kaffeekochen auch noch weiß, wann Sie Ihren Kaffee stark, und wann schwach trinken. Die neuesten Entwicklungen beim Smart Home vereinfachen uns den Alltag in den eigenen vier Wänden. Doch dort, „wo Chancen sind, da sind auch Risiken“, warnt Staatssekretär Gerd Billen, der die bereits zum fünften Mal stattfindende Veranstaltungsreihe 360grad eröffnete. Heiko Maas diskutierte an diesem Abend mit Constanze Kurz vom Chaos Computer Club, Marco Maas, Datenjournalist, Geschäftsführer und Gründer der Datenfreunde GmbH, Vorstandschef für Datenschutz, Recht und Compliance bei der deutschen Telekom AG, Thomas Kremer, und den etwa 140 erschienenen Gästen über Datenschutz und Transparenz im Smart Home. Moderiert wurde die Veranstaltung von Fernsehmoderatorin und Journalistin Anja Heyde.

Können wir unsere Daten steuern – oder werden wir vielmehr gesteuert?

Das Internet der Dinge, so Billen, sei längst keine Zukunftsmusik mehr, sondern habe bereits Einzug in unseren Alltag erhalten. Entscheidend dabei sei die Souveränität des Verbrauchers: „Können wir die Daten noch steuern? Oder werden wir vielmehr gesteuert?“

Bei Teilnehmer Marco Maas fließen täglich 600 Megabite Daten in und aus der Wohnung heraus. Der Datenjournalist hat sich in seiner Wohnung mit 130 Geräten ein Smart Home geschaffen: Von der Lichtsteuerung in verschiedenen Farben mittels Smartphone bis hin zum Bürostuhl, der ihn bei auffallend starker Muskelanspannung auffordert, doch einmal eine Runde an der frischen Luft zu drehen. Maas fühlt sich wohl in seinem vernetzten Zuhause und nutzt die vielen Vorteile, die ihm das Smart Home bietet.

Für Bundesjustizminister Heiko Maas ist das Smart Home von Namensvetter Maas eher „gruselig“. Die Kontrolle darüber, was mit all den Daten geschieht, die dort produziert und versendet werden, könne doch gar nicht mehr gewährleistet werden. Und das betreffe nicht nur die Daten desjenigen, der die Wohnung bewohnt.

„Beim Smart Home trifft uns eine Informationspflicht“

Durch die Aufzeichnung von Bewegungsabläufen lasse sich ein Profil von jedem, der uns in unserem intelligenten Zuhause besuchen kommt, erstellen. „Darüber müssen wir diesen informieren“, so Heiko Maas. Denn wichtig für den Minister sei es, dass beim Internet der Dinge auch die Entscheidung gegen die Nutzung der neuen Technologien möglich bleibe.

„Gute IT-Sicherheit ist die Grundlage“

Für Chaos Computer Club-Sprecherin Constanze Kurz sei eine gute IT-Sicherheit die Basis für eine sichere Nutzung der neuen Technologien. Kurz verwies auch auf ein weiteres Problem, dass sich beim smarten Wohnen stelle: Inwieweit sind wir noch fähig, die Geräte und Systeme nach unseren eigenen Wünschen zu nutzen? Mit dem Kauf des Produkts akzeptieren wir nämlich auch die von den Unternehmen vorgegebenen Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Danach müssen die Geräte meist so genutzt werden, wie es das Unternehmen vorgegeben hat. Dürfen wir noch modifizieren, also an den Geräten herumbasteln? Wichtig sei es, so Kurz, sich die Allgemeinen Geschäftsbedingungen vor dem Kauf genau durchzulesen.

Neue Formen der Verbraucheraufklärung nötig

Für Vorstandschef der Telekom AG Thomas Kremer müsse auch die Entscheidung gegen ein Smart Home möglich bleiben. Jeder soll individuell entscheiden können, ob er in seinem eigenen Zuhause beobachtet werden möchte, seinen Schlafrhythmus oder die Schnelligkeit seiner Bewegungen kontrollieren will – oder eben nicht. Dafür sei Transparenz nötig. „Ich muss als Nutzer von solchen wunderbaren Geräten wissen, was mit meinen Daten passiert.“ Nach Kremer müssten daher neue Wege der Verbraucheraufklärung gefunden werden. 70 Seiten lange Bestimmungen zu einer einzelnen Applikation seien für den Einzelnen kaum noch machbar. Daher sei es Aufgabe der Unternehmen, zusammengefasste Übersetzungen zu entwickeln, um die Idee der Transparenz auch in der Praxis gewährleisten zu können. Die Datenschutzgrundverordnung gelte für alle Unternehmen gleichermaßen – egal, ob sie im Silicon Valley oder in China säßen.

Intelligentes Wohnen wirft neue Fragen und Probleme auf

Doch wie sollten diese Bestimmungen aussehen? Und wie kann ich als Verbraucher meine Gäste über das, was da im Einzelnen in meinen vier Wänden vor sich geht, aufklären, wenn ich selbst nicht über spezielles IT-Verständnis verfüge? Wann verhalte ich mich gar rechtlich falsch? Moderatorin Anja Heyde leitete diese komplizierten rechtlichen Fragen an Heiko Maas weiter. Nach ihm treffe den Nutzer eines Smart Home gegenüber seinen Gästen eine Informationspflicht, sobald Daten anfallen, die mit dem Gast in Verbindung gebracht werden können. Ein umfassendes Profil über den Einzelnen, könne anhand der gesammelten Daten im Smart Home schnell erstellt werden. Die Politik beschäftige sich gerade mit dem Problem, was mit den Daten desjenigen geschieht, der das Smart Home bewohnt. Über die Frage, was mit den Daten von Dritten geschehe und wie die rechtlichen Anforderungen hier aussehen sollten, brauche es noch ein wenig Zeit, so Heiko Maas. „Mit der Dynamik des Internets könne die Rechtsetzung nicht mithalten.“

Wohin wandern die gesammelten Daten?

Was geschieht mit den erfassten Daten? Wohin wandern die Informationen über Schlafverhalten, Essgewohnheiten oder körperlicher Aktivität, nachdem sie durch die intelligenten Produkte aufgezeichnet wurden? Marco Maas hat das einmal mit der Hilfe von Google Earth getestet: Fast 60 Prozent seiner Daten gingen ins Silicon Valley, also dorthin, wo die großen Hersteller der Geräte sitzen.

Für die Frage, welche Form der Datenaufbewahrung sinnvoller sei – die auf dem eigenen Heimserver oder in der Cloud – stellt sich zunächst ein anderes Problem: Können Verbraucherinnen und Verbraucher die Aufstellung eines eigenen Heimservers überhaupt leisten? Kurz hat dazu schon eine Idee: Wohnblöcke könnten sich zusammenschließen, und ihre technischen Angelegenheiten einem Smart-Home-Hausmeister übergeben, einer technisch fitten Person, die sich um alle Probleme rund um das intelligente Zuhause kümmert.

Soziale Spaltung durch die Digitalisierung

Kurz wirft aber auch ein weiteres Problem auf, was bei der rasanten Entwicklung des Internets schnell übersehen wird: Wie können wir der sozialen Spaltung durch die Digitalisierung vorsorgen? Laut Heiko Maas nutzen 95 Prozent der Menschen mit einem hohen Bildungsabschluss das Internet. Gerade einmal die Hälfte ist es bei Menschen mit Hauptschulabschluss – Tendenz fallend.

Fördert der digitale Fortschritt auch eine ungerechte Entwicklung von Arm und Reich? So beispielsweise, wenn sich nur noch diejenigen eine Privatsphäre leisten können, die über die nötigen finanziellen Mittel verfügen.

Heiko Maas warnt auch vor einem drohenden Verlust des Solidarsystems der Krankenversicherungen, dass mit der Digitalisierung einhergehen könnte: Wenn bald derjenige, der seine vernetzte Zahnbürste nur einmal anstatt zweimal täglich aus dem Zahnputzbecher nimmt, einen höheren Beitrag bei Zahnzusatzversicherungen zahlen muss, ist das soziale System der Krankenversicherungen nicht mehr gewährleistet. Und Vorstandschef Kremer ergänzt: Es dürfe nicht sein, dass die fortschreitende Vernetzung uns negativ in unserem Leben beeinflusst. So beispielsweise, wenn wir gezwungen sind, zu handeln, um ansteigende Krankenkassenbeiträge oder Autoversicherungen zu vermeiden.

Wir können uns ohne großen finanziellen Aufwand digital fortbewegen. Aber können wir auch ohne große Geldsummen zu zahlen, unsere Privatsphäre schützen? Mit der Aufklärung über die Digitalisierung müsse daher schon früh begonnen werden, so Heiko Maas. Bereits im Schulunterricht sollten Kinder lernen, richtig mit dem Internet umzugehen.

„Recht auf analoges Leben – auch in der digitalen Welt“

Mitdenkende Kühlschränke, intelligente Kaffeemaschinen, sekündlich abgeschickte Datenpakete – am Ende der Veranstaltung blieben viele Fragen offen, zu denen Heiko Maas und seine Gäste noch gerne weiter diskutiert hätten: Kann das Smart Home auch präventiv, beispielsweise zur Verhinderung häuslicher Gewalt, eingesetzt werden? Wie sollte die Produktsicherheit weiterentwickelt werden? Wo brauchen wir eine stärkere oder veränderte Informationsvermittlung an Verbraucherinnen und Verbraucher? Worauf müssen wir in Zukunft mehr achten?

Letztendlich stellt sich für jeden Einzelnen die Frage: Was bringt mir die Vernetzung wirklich? Und ist sie das Risiko für den Schutz meiner Daten wert? Nach Heiko Maas muss es jedenfalls auch in der digitalen Welt ein Recht auf analoges Leben geben.