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Riga - (m)ein kleines Stück Heimat

Vor meinem achtwöchigen Praktikum stellten mir meine Familie und Freunde immer wieder die gleiche Frage: „Warum willst du nach Lettland? Da ist doch nichts!“

Riga von oben Riga von oben - hier fand ich (m)ein kleines Stück Heimat

Sophie Grünberg, ehemalige Auszubildende zur Fachangestellten für Bürokommunikation Sophie Grünberg, ehemalige Auszubildende zur Fachangestellten für Bürokommunikation

Eigentlich konnte ich darauf nie etwas Vernünftiges antworten, also eigentlich konnte ich gar nicht antworten, denn alles was ich von Lettland wusste und was mich speziell an Riga interessierte, kannte ich von Fotos, aus Büchern oder durch meinen lettischen Sprachunterricht. Aber eins wusste ich: Ich will nach Lettland.

Sechs Monate später hatte ich glücklicherweise meinen Willen durchgesetzt, war tatsächlich in Riga und wollte erst mal nur wieder weg. Ein furchteinflößender und sehr turbulenter Flug in einer kleinen Propellermaschine, strömender Regen, eiskalter Wind, zum Teil sehr reservierte Menschen und ein kühles Hotel weckten in mir das Gefühl wieder zurück ins sonnige Berlin zu wollen. Leider verließ mich dieses Gefühl die ersten drei Wochen nicht mehr. Das Wetter besserte sich nicht wirklich, die Kälte setzte mir weiter zu und die Letten, mit ihrer extrem zurückhaltenden und introvertierten Art, machten es mir auch nicht leicht. Trotz permanenter Versuche mich zu integrieren, zeigte man mir die kalte Schulter – im wahrsten Sinn des Wortes. Denn in Lettland kann es passieren, dass wenn man als Tourist nach dem Weg fragt, ignoriert wird oder einfach stehen gelassen wird, ohne jegliche Hilfe. Mit meinen Englischkenntnissen kam ich auch nicht weiter, da man (meiner Erfahrung nach) in Riga kaum auf Menschen trifft, die Englisch fließend sprechen können.

Erst die Arbeit - mein Praktikum...

Ablenkung hatte ich aber durch meine Arbeit beim Baltisch-Deutschen Hochschulkontor (BDHK), welches eine Einrichtung ist, die sich in der Technischen Universität Riga befindet und dort als Sitz das sogenannte "Lernzentrum Fachsprache Deutsch" bildet. Das Hochschulkontor fördert in den Baltischen Staaten zahlreiche Einrichtungen und Projekte im Zusammenhang der wissenschaftlichen Kooperation und des akademischen Austauschs. Dieser Austausch wird zwischen Deutschland und den drei Baltischen Staaten angestrebt. Dadurch gewinnen dann lettische, estnische oder auch litauische Einrichtungen und deren Aktivitäten an Sichtbarkeit und Ausstrahlung nicht nur im Baltikum, sondern auch in Deutschland. Das BDHK veranstaltet dazu zahlreiche Veranstaltungen, sowie unterstützt und finanziert dabei immer wieder wissenschaftliche Projekte. Für die periodischen Veranstaltungen werden oftmals Doktoranden oder Professoren aus Deutschland eingeladen, um dann fachspezifische Vorträge mit lettischen Akademikern zu halten. Teilweise werden die Projekte, die unterstützt werden, zweimal jährlich mittels eines sogenannten Projektwettbewerbs ermittelt und dann nicht nur mit Geldern unterstützt, sondern auch mit viel Zuwendung und einer gemeinsamen Planung. Abgeschlossen werden die Projekte des Projektwettbewerbs mit wissenschaftlichen Abenden oder auch mit der Veröffentlichung von Literatur.
Ich selbst habe bei allen anfallenden Aufgaben immer aktiv geholfen. Dabei hatte ich vielfältige Tätigkeiten rund ums Übersetzen, Reden schreiben, erstellte mehrsprachige Plakate und half dabei, Veranstaltungen vorzubereiten, wobei auch schon mal Plakate in verschiedenen Bezirken Rigas angebracht werden mussten. Die deutsche Buchhaltung des BDHK von 2013 wurde zudem auch über mehrere Wochen hinweg bearbeitet und stellenweise komplett neu erstellt, was durch Verständigungsprobleme einige Nerven gekostet, aber auch zu lustigen Abenden geführt hat. Natürlich nahm ich auch an sämtlichen „Events“ des BDHK teil und genoss es sehr, nach getaner Arbeit noch mit meinen lettischen Kollegen mir diverse Vorträge anzuhören. Aber ich konnte auch dank meiner Chefin immer wieder außerhalb des BDHK zu anderen Unternehmen oder auch der Deutschen Botschaft Riga gehen und weitere Erfahrungen sammeln. Im Laufe des Praktikums wurde ich so ein festes Mitglied im Team des Hochschulkontors und war nicht nur Ansprechpartner für Besucher des Lernzentrums, sondern übernahm auch bei krankheitsbedingten Ausfällen die Verantwortung für eine ordnungsgemäße Planung und Realisierung einer Veranstaltung. Ich fühlte mich am Ende meines Praktikums sehr wohl in unserem kleinen Büro, was auch daran lag, dass ich es geschafft hatte, mich gegen die schüchternen Letten durchzusetzen und ihnen zu zeigen, dass wir Deutschen ein wahnsinnig tolles und freundliches Volk sind. Ich habe es sogar geschafft, mit meinen lettischen Kollegen auch außerhalb des Büros Zeit zu verbringen, was für mich persönlich ein riesiger Erfolg war. Es hat mir gezeigt, dass ich wirklich in Lettland angekommen bin und mich meine neuen Freunde genauso mochten, wie ich sie.

Während des Praktikums blieb mir jedoch eins nicht verborgen: Das angespannte Verhältnis Lettlands zu Russland. In sämtlichen Reiseführern wird bezüglich der Russland-Lettland-Thematik ein Besuch im Okkupationsmuseum empfohlen, welches ich mir auch ansah. Ich lernte eine Menge zur Historie (Zeitraum von 1940 bis 1991) und reichlich Hintergrundwissen zu den Besatzungszeiten Lettlands von sowohl Russland als auch von Deutschland bis zum 4. Mai 1990 – der Unabhängigkeit Lettlands.
Die lettische Bevölkerung besteht zu ca. 30 % aus russisch-stämmigen Menschen und dieser Anteil ist in der Hauptstadt Riga noch höher (der Anteil der Russen beträgt in Riga ca. 40%). Da die Bevölkerungszahl in ganz Lettland mit knapp zwei Millionen Einwohnern generell schon geringer ist als in Berlin, fällt der große russischsprachige Teil der Bevölkerung auf. In interessanten Gesprächen mit (lettischen) Freunden, Kollegen oder auch auf Seminaren versuchte ich mich der komplizierten Situation zu stellen und wollte gerne die Ansichten und Meinungen meines Gegenübers erfahren. Schnell stellte sich heraus, dass sich die meisten Meinungen deckten und die in Lettland heimischen Russen offenbar nicht so gern gesehen sind, wie ich es aus Deutschland gewohnt war. Wie durch das Okkupationsmuseum deutlich geworden ist, wurde das Leben in Lettland maßgeblich und nachhaltig durch die letzte russische Besetzungsphase (1945-1990) beeinflusst. Dies ist besonders im Zuge der sogenannten „Russifizierung“ in der damaligen Lettischen Sowjetrepublik geschehen. Markant sind hierbei die Deportationen von Letten in russische Gulag (Arbeitslager), Umsiedlungen in russische Gebiete sowie im Gegenzug auch Umsiedlung von Bürgern aus Russland nach Lettland. Die Russifizierung beeinflusste aber nicht nur den Aufenthaltsort von Familien, sondern auch den Einflussbereich der russischen Kultur und Sprache im gesamten Baltikum. Während meines gesamten Praktikums wurde ich daher z. B. an strittigen Feiertagen oder durch das Verhalten der russischen und lettischen Bevölkerung immer wieder mit den Auswirkungen der angewandten sowjetischen Innenpolitik konfrontiert, die unterdessen auch heute noch kontinuierlich von beiden Völkern aufgearbeitet wird.

...Riga (m)eine neue Heimat

In meiner zweimonatigen Pause vom normalen Leben, lernte ich aber nicht nur neue Arbeitstechniken, etwas über Riga und dessen Bewohner, sondern ich lernte auch unheimlich viel über mich selbst. Ich schätze es sehr, dass man jungen Menschen wie mir, die Möglichkeit bietet, Teile Europas kennenzulernen. Für solche Chancen kann man nur dankbar sein.
Neben Riga erkundete ich noch den kleinen Ort Sigulda, die Ostsee-Stadt Jurmala und Vilnius in Litauen. Ich besuchte Museen, Kirchen, Konzerte, machte Spaziergänge durch kleine Gassen, bewunderte die extrem sauberen Städte und genoss die Sonne - wenn sie denn mal da war. Aber auch kulinarisch probierte ich mich aus. Aß ich in Deutschland nicht mal Pilze, versuchte ich mich in Riga an geschmorten Knoblauchzehen und an Pizza mit kleinen Mini-Kraken.

Das Schwarzhäupterhaus (lettisch: Melngalvju nams) auf dem Rathausplatz der lettischen Hauptstadt Riga (lettisch: Rīga) wurde 1334 als das „Neue Haus der Großen Gilde“ erstmals urkundlich erwähnt. Das Schwarzhäupterhaus (lettisch: Melngalvju nams) auf dem Rathausplatz der lettischen Hauptstadt Riga (lettisch: Rīga) wurde 1334 als das „Neue Haus der Großen Gilde“ erstmals urkundlich erwähnt.

Eine andere Sache fasziniert mich noch Heute (ca. zwei Monate nach meinem Praktikum), nämlich die Zeit. Wäre ich selbst erst nie darauf gekommen, dass es da Unterschiede gibt, machte mich eine Kollegin darauf aufmerksam und nach kurzem Überlegen erkannte ich es auch. Die Uhren laufen in Deutschland und Lettland komplett anders. Ich war in Riga viel ruhiger und alles war entspannter. Kam z. B. der Bus nicht pünktlich, wartete man einfach, anstatt wie in Deutschland unruhig zu werden. Plant man in Deutschland immer alles akribisch, wird in Lettland manches auch mal auf den letzten Moment verschoben. Liebte ich gerade an Berlin das pure, pulsierende Leben, die vielen Nationalitäten und die Nachtschwärmerei, erlebte ich nun auch mal das Gegenteil davon. Lettland ist auf eine andere Art und Weise aktiv, nur ist es dabei entspannter, sauberer, zurückhaltender und versprüht seinen ganz eigenen, wunderschönen alten Charme. Es gab weniger Touristen als in Berlin und generell nicht so unterschiedliche Nationalitäten, aber dafür konnte man in Riga in andere Zeiten abtauchen, dank den engen Gassen und den alten, stark verzierten Gebäuden.

Am Ende des Praktikums fühlte ich mich dank vieler Bekanntschaften mehr als wohl in Lettland. Ich habe Rigas verschiedenste Facetten entdeckt, habe Lettland kulinarisch erkundet, bin durchs Land gereist, hatte mich wunderbar eingerichtet und genoss jede Minute dieser wunderbaren Zeit.
Nach dem Praktikum war ich einfach begeistert von Land und Leuten und plane deshalb schon meinen nächsten Aufenthalt im Baltikum, der hoffentlich bald kommt.

Abschließend kann ich voller Freude sagen, dass mir mein kurzes Auslandspraktikum nicht nur neue Freunde gebracht habe, sondern auch ein kleines, neues Stückchen Heimat.

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